Archiv der Kategorie: Universität

„What do you think about it?“

Der große Heiko-Report
Quelle: http://ec.ut.ee/transition/index.php?option=com_rsgallery2&Itemid=102&catid=17

Wenn man über Heiko Pääbo schreiben will, dann muss man mit seinem orange-farbenem Pullover anfangen. Er trägt ihn praktisch zu jeder Unterrichtsstunde. Vielleicht es aber auch eine ganze Kollektion identisch aussehender orangener Pullover, die er da zur Schau trägt. Am Kragen blitzt meist ein T-Shirt oder ein violettes Polohemd hervor, letzteres passt farblich natürlich nicht ganz zum orangenen Pullover, aber das ist erstens Geschmackssache und zweitens scheint es Heiko nicht zu stören.

Star-Dozent Heiko Pääbo unterrichtet am EuroCollege der Universität von Tartu, ist Leiter des Prometheus-Programms und „Key instructor“ des Political Transition-Kurses. Heiko setzt hierbei ganz auf moderne Lernmethoden. Keine Unterrichtsstunde ohne ausführliche Powerpoint-Präsentation mit bunten Hintergründen und vielen Fotos. Häufig bleiben die Inhalte etwas auf der Strecke und die Themen werden eher oberflächlich behandelt, aber das stört ihn nicht. Denn Heiko setzt stattdessen auf umfassende Diskussionen zu den Themen seines Kurses. Berühmt sind in Studentenkreisen seine weitläufigen Fragestellungen und seine Fähigkeit mit ständig wiederholten Nachfragen alle Kursteilnehmer aus der Reserve zu locken bzw. in den Wahnsinn zu treiben.

„What do you think about this?“, fragt er dann und wenn keiner sich meldet setzt er ein fragendes „Do you have any opinion about it?“ hinterher. Selbst wenn sich nun niemand zu Wort meldet, gibt Heiko als echter Diskussionsprofi nicht auf: „What do you think about it? How is it in your home country?“, fragt er. Irgendwann wird jemand schwach und antwortet irgendetwas. Heiko freut sich über diese Beteiligung, es ist dabei ziemlich egal was gesagt wurde. Das macht nichts, denn die Diskussionsfragen sind äh nunja, auch eine Klasse für sich. Ein paar Beispiele gefällig? Ok, hier nun von mir handausgeschnitten und gesammelt die TOP 3 von Heikos Diskussionsfragen:

Communism - A criminal ideology?

1. Is Communism a criminal ideology? Tja, das haben wir uns doch immer schon mal gefragt: Ist Kommunismus nicht eigentlich total kriminell und sollte verboten werden? Gut dass Heiko diese Spitzenfrage nochmal aufgeworfen hat. Antwort ist übrigens Nein, weil was können Marx und Engels schon dafür, dass z.B. Stalin unter Auslegung ihrer Ideologie (da waren sie ja auch schon tot) Millionen von Menschen enteignet, umgesiedelt und unliebsame Kritiker umbringen hat lassen.

Keywords of Revolution

2. What are the keywords for describing revolution? Ja, ist schon so eine Sache mit dieser Revolution. Also erstmal Stichpunkte äh Keywords sammeln. Da darf dann jeder mal sagen, was ihm zum Thema einfällt. Ergebnis in unserer Klasse: „change“, „violence“, „peaceful movement“ – Na das kann sich doch sehen lassen, oder?

Heikos Folien

3. How is the ‚CEE‘ involved into the political discourse today? (Examples from your country) Wie wird in der politischen Diskussion in unserem Heimatland über Zentral- und Osteuropa gesprochen? Für Deutschland lässt sich die Frage schonmal nicht so einfach beantworten. „Worauf zielt dass denn jetzt genau ab?“, möchte man nachfragen. Letztlich aber wieder ein schönes Beispiel für eine Frage, auf die man alles antworten kann und bei Heiko vor allem auch darf.

Die Fragen wurden so übrigens im Wintersemester 2007 im Political Transition-Kurs gestellt, aber es ist natürlich nur ein kleiner Teil von einem viel breiteren Repertoire an Spitzenfragen. Für die Beteiligung wird man übrigens nach einem ausgefuchsten Punktesystem bewertet. Heiko kontrolliert und protokolliert nämlich auch gerne die Leistung seiner Studenten. Als Hilfsmittel dient ihm hierbei das Moodle-Onlinesystem in dem sich jeder anmelden muss, um beispielsweise Texte und andere Materialien herunterzuladen und Bewertungsergebnisse abzurufen. Nebenbei werden auch ungefragt Statistiken und Klickprotokolle von jedem Studenten angelegt. Den Text für diese Woche nicht runtergeladen und gelesen – Der Dozent sieht es sofort. Hier mal ein Beispiel für eine solche Datensammlung:

Datenflut im Moodle-System

Der Dozent kann sich über jeden Klick, jeden Seitenabruf, jede Aktivität in Listenansicht oder als Diagramm informieren. Ein universitäres Überwachungsinstrument, dass hier scheinbar sehr unkritisch eingesetzt wird. „Big brother is watching you!“ Der große Bruder schaut zu – und eventuell, nur ganz vielleicht, trägt er dabei einen orange-farbenen Pullover und lacht sich verschmitzt ins Fäustchen. Nur ganz vielleicht.

So jetzt will ichs aber wissen: What do you think about it? You have any opinion? Keine? Macht auch nichts.

Spurlos verschwunden…

Ehrgeiz & Disziplin sind verschwunden

(Foto: Jenny Rollo / sxc.hu)

 

Liebe Blogleser,

wie ich diese Woche mit Erschrecken feststellen musste sind meine guten Freunde Ehrgeiz und Disziplin (beides Deutsche) plötzlich spurlos verschwunden. Als ich vor gut zwei Wochen an meiner Case-Study zu Weißrussland geschrieben habe, waren die beiden noch rege Begleiter meines Uni-Lebens – nun sind sie verschwunden und ich frage mich wohin. Vielleicht ist den beiden das Wetter in Estland zu kalt und trübe? Oder sie hatten die ständigen Leistungskontrollen satt?

Jeder der Hinweise auf den Aufenthaltsort von Ehrgeiz (männlich) und Disziplin (weiblich) geben kann, wird gebeten dies unverzüglich in den Kommentaren dieses Blogs zu tun.

Lieber Ehrgeiz, liebe Disziplin, wenn ihr das lest: Bitte meldet euch!

Gruß, Lukas

Fackelmarsch und Feuerwerk: 375 Jahre Uni Tartu

Fackelmarsch der Universität Tartu

Letzte Woche hat die Universität Tartu (estnisch: Tartu Ülikool) ihr 375-jähriges Bestehen ausführlich mit einer ganzen Reihe von Veranstaltungen gefeiert. Extra für das Jubiläum wurde ein neuer aufwendiger Werbefilm produziert, der die Universität im besten Licht dastehen lässt und den wir alle im Estnischunterricht vorgeführt bekamen. Das Highlight war für die meisten aber sicher der Fackelmarsch vom Hauptgebäude der Universität zur Domruine auf dem Toome Hill am Donnerstagabend.

Fackelmarsch der Universität Tartu 2

Zuerst hatten wir schon einige Bedenken: Darf man als Deutscher – unter Rücksicht auf die Symbolik solcher Veranstaltungen in der Hitlerzeit – an Fackelmärschen teilnehmen? Wir kamen zu dem Ergebnis dass das sehr wohl geht, wobei es sicher einen großen Unterschied macht ob man solche nationalistisch-vorgeprägten Aktionen in Deutschland durchführt oder in Estland mit Fackel und Fahne zu Ehren des Universitätsgeburtstages unterwegs ist. Es waren auch viele Esten ohne Trachtenuniform unterwegs, was es uns leichter machte unerkannt in der großen Masse mitzulaufen. Die Stimmung war insgesamt überraschend angenehm, mehr wie ein Laternenumzug bei uns.

Feuerkunstwerk - noch weiß man nicht was daraus wird

Die Organisatoren haben sich einiges einfallen lassen, so wurde im Park vor dem Pulverkeller ein großes verhülltes Kunstwerk in Brand gesteckt. Auf dem ersten Foto kann man noch nicht sehen, wohin das führen wird…

Heiße 375 Jahre

Auf dem zweiten dafür umso besser: Eine brennende 375 – passend zu den 375 Jahren, welche die vom schwedischen König Gustav Adolf II. ins Leben gerufene Universität mittlerweile auf dem Buckel hat. Die Gründung 1632 kann übrigens nicht nur als reine Wohltat (wie Film und Uni-PR suggerieren), sondern auch unter dem Fokus schwedischer Kolonialpolitik gesehen werden. Nichts desto trotz sind die Esten sehr stolz auf die Universität in Tartu, die nicht zuletzt als geistiges Zentrum des Landes gesehen wird.

Bühnenshow zum 375-jährigen Jubiläum der Universität Tartu

Vor den Ruinen der Toomkirik (Domkirche) folgte dann eine ziemlich bombastische Bühnenshow, die neben männlichen Tänzern in Rollkragenpullovern und weiblichen Tänzerinnen in Regenmänteln auch eine große Anzahl an Fackel- und Fahnenträgern, sowie einen Darsteller in der Rolle Gustav Adolphs II. erforderte. Besondere Beachtung verdient das küssende Pärchen mit Regenschirm in der Bühnenmitte – es handelt sich um eine exakte Rekonstruktion der bekannten Brunnenstatue auf dem Rathausplatz (siehe auch Headerbild in diesem Blog).

Feuerwerk in Tartu / Estland

Den Abschluß bildete ein brillantes Großfeuerwerk, bei welchem der geschätzte jährliche Werbeetat einer mittelgroßen deutschen Universität innerhalb weniger Minuten in die Luft geblasen wurde. Es war einfach der Wahnsinn (siehe Bild)! Man kann ja vieles sagen, aber die Esten wissen einfach wie man so ein Jubiläum gebührend feiert. Auf die nächsten 375 Jahre, Terviseks Tartu Ülikool!

Nachtrag: Die ganzen Feierlichkeiten inklusive Stadtsanierung und dem Besuch der schwedischen Königin haben übrigens 40 Millionen Kronen (etwa 2,5 Millionen Euro)  gekostet. Die Stadt hat fast nichts dazu bezahlt.

 

Wireless Lan in Tartu

WiFi in Tartu - Schnurlos surfen im Internet

Die Esten sind ein ziemlich internetverrücktes Volk. Neben Prestige-Projekten wie dem staatlich garantierten Internetzugang für jeden Bürger oder der Möglichkeit zum Online-Wählen (machen viele junge Esten) gibt es aber zum Beispiel auch kostenloses W-Lan an jeder Ecke. Vor dem Rathaus, der Universität und in den zahlreichen Cafés der Altstadt von Tartu kann man mit dem Laptop kabellos surfen. Anders als in Deutschland würde auch niemand auf die Idee kommen dafür eine Gebühr zu erheben, die Gratiskonkurrenz wäre ohnehin viel zu groß. Und so sieht man tatsächlich viele Esten mit Notebook auf dem Schoß im Park oder auf dem Raekoja plats (Rathausplatz) sitzen. Ob da wirklich sinnvoll gearbeitet wird oder nur nebenbei irgendwelche Chats laufen, lässt sich nur vermuten. Gestern im Trehv-Pub saß aber jedenfalls ein Este mit zwei Freundinnen an der Bar und hat fleißig irgendwelche Videos geschnitten. Vielleicht entstand an diesem Abend gerade der nächste estnische Independent-Spielfilm, der in Venedig oder Cannés alle Preise abräumt – oder auf Youtube demnächst für Furore sorgt. Wer weiß?

Raatuse 22: Unser Wohnheim

Raatuse Wohnheim in Tartu

Das ist unser Wohnheim in der Raatuse-Straße Nr. 22 in Tartu. Hier wohnen alle Austauschstudenten und noch eine ganze Menge Esten. Gleichzeitig ist hier auch noch ein Hostel untergebracht, welches die gleichen Zimmer mit geringfügig besserer Ausstattung (Fernseher, Duschvorhang) anbietet. Unten links ist der Indian Pub, wo es Omelette und Pommes gibt – indische oder gar indianische Speisen habe ich dort ehrlich gesagt aber noch nicht entdeckt.

Gang Raatuse Wohnheim in Tartu

Und hier der vierte Flur wo die meisten Austauschstudenten ihre WG haben. Die Gänge haben einen unbestritten nüchternen Charme – einige vergleichen sie mit Krankenhausfluren – einzig die Farbe der Türen variiert je nach Stockwerk. Hinten im Bild ist einer von zwei Glaskästen, der einzige Ort wo im Wohnheim geraucht werden darf.

Zimmer Raatuse Wohnheim Tartu

Und hier ist mein Zimmer. Vorne mein Handtuch, in der Mitte mein Bett und hinten am Fenster mein Laptop wo man bei ganz genauem Hinsehen schon dieser Geschichte beim Entstehen zusehen kann. Das große Panoramafenster (Luxus!) sorgt für ein helles Wohnambiente, der Heizkörper darunter leistet im Winter sicher wertvolle Dienste. Gelbe Schubladen- und Schrankelemente lockern die dezent graue Wandfarbe ein wenig auf. Für Deko muss ansonsten selbst gesorgt werden – was mangels entsprechender Posterläden in Tartu eine echte Herausforderung ist. Beinahe möchte man sagen: Tine Wittler, übernehmen Sie!

Wie ich erfolgreich eine Seite ausgedruckt habe

Bibliothekskarte Universität Tartu

Einige werden sich sicher noch erinnern wie ich letztens versucht habe in der Uni-Bibliothek eine Seite auszudrucken. Ich konnte mich einfach nicht in die Computer einloggen, da mir Login und Passwort fehlten. Siehe mein Artikel hier.
Um mich kurz zu fassen: Ich habe es jetzt geschafft. Wie? Das verrate ich euch jetzt!

2.7. Im International Student Office weiß man nichts von einem speziellen Login, die Damen empfehlen mir aber mir einen Studentenausweis zu holen. Den gibt es bei meiner Fakultät am anderen Ende der (kleinen) Stadt.
2.8. Für den Studentenausweis braucht man ein Passbild, was ich natürlich dummerweise vergessen habe. Macht aber nichts, morgen ist ja auch noch ein Tag.
2.9. Student-ID abgeholt, Login gibt es aber nicht dazu. Dafür ist doch wieder die Bibliothek zuständig. Also dort nochmal hin.
3. Die Auskunft der Bücherei ist diesmal besetzt. Jetzt die Überraschung: Ich habe Benutzername und Passwort die ganze Zeit schon mit rumgetragen, ohne es zu wissen. Nutzername ist eine Nummer auf dem Leihausweis, als Passwort benutzt man ausschließlich die vierstellige Jahreszahl des eigenen Geburtsdatums.
3.1. Letztens hatte ich ja schon von der Bank- bzw. Kreditkarte erzählt die man bei der Anmeldung für das Druckkonto dabeihaben muss. Diese Karte muss man bei jedem Druckvorgang seitlich durch ein Lesegerät am Drucker ziehen. Ziemlich ungewohnt, aber es funktioniert – und das ist schließlich das Wichtigste!

Im Bild: Die magische Büchereikarte. Einer Legende zufolge kann man mit dem geheimen Code auf der Rückseite (beginnend mit y…) sogar drucken..