Archiv der Kategorie: Tartu

Spaziergang am Lake Tartu

Lake Tartu

Tartu geizt nicht gerade mit schönen Wasserflächen: Neben dem Emajögi gibt es auch den weltbekannten Lake Tartu, zu sehen auf dem Foto. Keck ragen drei Findlinge aus der Wassermasse hervor, im Vordergrund sind noch die Schilfstummel vom letzten Sommer zu sehen. Lake Tartu, Findlinge, Schilfstummel? Hmm…na ok ich gebs zu! In echt fällt der „See“ etwas kleiner aus, als man es vom Bild vermuten würde. Nämlich genau so:

Lake Tartu 2

Es handelt sich beim Lake Tartu in Wahrheit nur um eine 1×2 Meter große Pfütze auf einem Feldweg nahe der Stadt. Die drei „Findlinge“ sind dann doch sehr handlich, die „Schilfstummel“ bestehen aus schnödem Gras. Beim ersten Foto war die Kamera fast auf der Höhe des matschigen Bodens, der gleiche Effekt wird übrigens auch angewandt um Hotelpools in Reiseprospekten größer erscheinen zu lassen. Also Augen auf, wenn euch jemand ein X für ein U…äh eine Pfütze für einen See vormacht!

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„What do you think about it?“

Der große Heiko-Report
Quelle: http://ec.ut.ee/transition/index.php?option=com_rsgallery2&Itemid=102&catid=17

Wenn man über Heiko Pääbo schreiben will, dann muss man mit seinem orange-farbenem Pullover anfangen. Er trägt ihn praktisch zu jeder Unterrichtsstunde. Vielleicht es aber auch eine ganze Kollektion identisch aussehender orangener Pullover, die er da zur Schau trägt. Am Kragen blitzt meist ein T-Shirt oder ein violettes Polohemd hervor, letzteres passt farblich natürlich nicht ganz zum orangenen Pullover, aber das ist erstens Geschmackssache und zweitens scheint es Heiko nicht zu stören.

Star-Dozent Heiko Pääbo unterrichtet am EuroCollege der Universität von Tartu, ist Leiter des Prometheus-Programms und „Key instructor“ des Political Transition-Kurses. Heiko setzt hierbei ganz auf moderne Lernmethoden. Keine Unterrichtsstunde ohne ausführliche Powerpoint-Präsentation mit bunten Hintergründen und vielen Fotos. Häufig bleiben die Inhalte etwas auf der Strecke und die Themen werden eher oberflächlich behandelt, aber das stört ihn nicht. Denn Heiko setzt stattdessen auf umfassende Diskussionen zu den Themen seines Kurses. Berühmt sind in Studentenkreisen seine weitläufigen Fragestellungen und seine Fähigkeit mit ständig wiederholten Nachfragen alle Kursteilnehmer aus der Reserve zu locken bzw. in den Wahnsinn zu treiben.

„What do you think about this?“, fragt er dann und wenn keiner sich meldet setzt er ein fragendes „Do you have any opinion about it?“ hinterher. Selbst wenn sich nun niemand zu Wort meldet, gibt Heiko als echter Diskussionsprofi nicht auf: „What do you think about it? How is it in your home country?“, fragt er. Irgendwann wird jemand schwach und antwortet irgendetwas. Heiko freut sich über diese Beteiligung, es ist dabei ziemlich egal was gesagt wurde. Das macht nichts, denn die Diskussionsfragen sind äh nunja, auch eine Klasse für sich. Ein paar Beispiele gefällig? Ok, hier nun von mir handausgeschnitten und gesammelt die TOP 3 von Heikos Diskussionsfragen:

Communism - A criminal ideology?

1. Is Communism a criminal ideology? Tja, das haben wir uns doch immer schon mal gefragt: Ist Kommunismus nicht eigentlich total kriminell und sollte verboten werden? Gut dass Heiko diese Spitzenfrage nochmal aufgeworfen hat. Antwort ist übrigens Nein, weil was können Marx und Engels schon dafür, dass z.B. Stalin unter Auslegung ihrer Ideologie (da waren sie ja auch schon tot) Millionen von Menschen enteignet, umgesiedelt und unliebsame Kritiker umbringen hat lassen.

Keywords of Revolution

2. What are the keywords for describing revolution? Ja, ist schon so eine Sache mit dieser Revolution. Also erstmal Stichpunkte äh Keywords sammeln. Da darf dann jeder mal sagen, was ihm zum Thema einfällt. Ergebnis in unserer Klasse: „change“, „violence“, „peaceful movement“ – Na das kann sich doch sehen lassen, oder?

Heikos Folien

3. How is the ‚CEE‘ involved into the political discourse today? (Examples from your country) Wie wird in der politischen Diskussion in unserem Heimatland über Zentral- und Osteuropa gesprochen? Für Deutschland lässt sich die Frage schonmal nicht so einfach beantworten. „Worauf zielt dass denn jetzt genau ab?“, möchte man nachfragen. Letztlich aber wieder ein schönes Beispiel für eine Frage, auf die man alles antworten kann und bei Heiko vor allem auch darf.

Die Fragen wurden so übrigens im Wintersemester 2007 im Political Transition-Kurs gestellt, aber es ist natürlich nur ein kleiner Teil von einem viel breiteren Repertoire an Spitzenfragen. Für die Beteiligung wird man übrigens nach einem ausgefuchsten Punktesystem bewertet. Heiko kontrolliert und protokolliert nämlich auch gerne die Leistung seiner Studenten. Als Hilfsmittel dient ihm hierbei das Moodle-Onlinesystem in dem sich jeder anmelden muss, um beispielsweise Texte und andere Materialien herunterzuladen und Bewertungsergebnisse abzurufen. Nebenbei werden auch ungefragt Statistiken und Klickprotokolle von jedem Studenten angelegt. Den Text für diese Woche nicht runtergeladen und gelesen – Der Dozent sieht es sofort. Hier mal ein Beispiel für eine solche Datensammlung:

Datenflut im Moodle-System

Der Dozent kann sich über jeden Klick, jeden Seitenabruf, jede Aktivität in Listenansicht oder als Diagramm informieren. Ein universitäres Überwachungsinstrument, dass hier scheinbar sehr unkritisch eingesetzt wird. „Big brother is watching you!“ Der große Bruder schaut zu – und eventuell, nur ganz vielleicht, trägt er dabei einen orange-farbenen Pullover und lacht sich verschmitzt ins Fäustchen. Nur ganz vielleicht.

So jetzt will ichs aber wissen: What do you think about it? You have any opinion? Keine? Macht auch nichts.

Spurlos verschwunden…

Ehrgeiz & Disziplin sind verschwunden

(Foto: Jenny Rollo / sxc.hu)

 

Liebe Blogleser,

wie ich diese Woche mit Erschrecken feststellen musste sind meine guten Freunde Ehrgeiz und Disziplin (beides Deutsche) plötzlich spurlos verschwunden. Als ich vor gut zwei Wochen an meiner Case-Study zu Weißrussland geschrieben habe, waren die beiden noch rege Begleiter meines Uni-Lebens – nun sind sie verschwunden und ich frage mich wohin. Vielleicht ist den beiden das Wetter in Estland zu kalt und trübe? Oder sie hatten die ständigen Leistungskontrollen satt?

Jeder der Hinweise auf den Aufenthaltsort von Ehrgeiz (männlich) und Disziplin (weiblich) geben kann, wird gebeten dies unverzüglich in den Kommentaren dieses Blogs zu tun.

Lieber Ehrgeiz, liebe Disziplin, wenn ihr das lest: Bitte meldet euch!

Gruß, Lukas

Weihnachtliches Tartu

Weihnachtliches Tartu (Estland)

Anfang Dezember – In Tartu wird es jetzt langsam weihnachtlich. Während es bereits seit Tagen draußen schneegestöbert, wurde auf dem Raekoja-Platz vor dem Rathaus der Weihnachtsbaum aufgestellt. Bei Minusgeraden wurde an der estnischen Tanne herumgesägt – zusätzlich anmontierte Äste vermitteln das Bild eines besonders dichten Nadelwerkes. Da wird also ein klein wenig geschummelt. Anschließend kamen die obligatorischen Lichterketten an die Reihe: Der Baum besticht nun mit wild blitzenden Lämpchen (Stroboskop-Effekt) und wurde von uns spontan in „Diskotanne“ umgetauft.

Weihnachtliches Tartu (Estland) 2

Während auf dem Fluß Emajögi schmutzig-braune Eisschollen vorbeitreiben, hat sich das verschneite Tartu unversehens in ein buntes Lichtermeer verwandelt. Die küssenden Studenten vor dem Rathaus (siehe Foto) frieren sich in dieser Jahreszeit natürlich ganz schön den Arsch ab. Genau wie wir – deswegen gehts jetzt schön schnell wieder rein auf nen heißen Glögg!

Das Whirlpool-Prinzip

Das Whirlpool-Prinzip (Foto: Aura Keskus Tartu)

Der Mensch ist ja von angeborenen Verhaltensregeln geprägt, welche sich in der Öffentlichkeit besonders deutlich zeigen. Einer der klassischen Orte ist hierfür das Schwimmbad, das einen idealen Tummelplatz für die verschiedensten Macht- und Balzrituale bietet. Verschärfend wirkt eine nahezu immer vorherrschende Knappheit von Ressourcen (Sonnenliegen, Whirlpoolplätze). Auch im Aura Keskus hier in Tartu ist das nicht anders. Gestern war ich dort und habe einige interessante Beobachtungen gemacht, welche sich am besten unter dem Begriff „Whirlpool-Prinzip“ zusammenfassen lassen:

Zwei unterschiedliche Parteien, die Draußensteher und die Drinnensitzer, stehen sich hierbei unversöhnlich gegenüber. Die Draußensteher beneiden die Drinnensitzer um ihren Platz im Whirlpool. „Wieso müssen die da eigentlich so lange da drin sitzen? Müssen die sich so breit machen?“, sind häufige – zumeist leise geäußerte – Vorwürfe. Maulend liegen die Draußensteher auf der Lauer und warten grimmig darauf, dass die Drinnensitzer eine Schwäche zeigen und eine kurze Pause von ihrer Blubbermassage machen. Schon ist der Augenblick gekommen! Die Draußensitzer belegen blitzartig die frei gewordenen Plätze und werden so zu Drinnensitzern.

Mit der neuen Whirlpool-Ordnung verwandelt sich auch unverzüglich ihr Verhalten: Die neuen Drinnensitzer machen sich breit, legen ihre Arme breit auf den Rand des Pools und strecken ihre Beine genüßlich aus um möglichst viel Platz für sich zu beanspruchen. Sie kosten ihre Macht vollends aus, denn sie wissen um ihre Vergänglichkeit: Früher oder später kriegen im Whirlpool alle schrumplige Finger und müssen wieder raus.

(Foto: Aura Keskus in Tartu, Estonia | www.aurakeskus.ee)

Beim Meeste Juuksur in Tartu

Meeste Juuksur - Friseur in Tartu

Ich war letzte Woche beim Friseur hier in Tartu, genauer beim Meeste Juuksur (Herrencoiffeur) am Marktplatz. Direkt neben dem stylischen salon plus (Waschen, Schneiden, Kopfmassage = 18 Euro) werden hier im grellen Neonlicht die Haare gestutzt. Die Ausstattung des Salons ist spartanisch: Die Friseure und Friseusen arbeiten selbstständig an ihrem Spiegeltisch, jeder hat seine eigene Palette an Gels, Sprays und Pflegemitteln dabei. Geschnitten wird im Akkord, die Kunden – darunter viele Esten – warten auf einer Stuhlreihe auf der anderen Seite des Salons (Bild rechts, wo die Tür ist). Die gemütliche Arbeitsethik gilt aber auch hier: Zwischendurch ist immer Zeit für eine kleine Pause, niemand versucht mehr Kunden zu versorgen als unbedingt nötig. Konkurrenzlos ist für deutsche Verhältnisse vor allem der Preis: 80 Kronen – umgerechnet 5,30 Euro kostet der neue Haarschnitt bei Meeste Juuksur.

Erasmus deluxe mit Fußbodenheizung

Raatuse Fussbodenheizung

Unser Wohnheim in Raatuse 22 ist ja bisher eher mit sprödem Krankenhaus-Charme und minimalistischer Küchenausstattung in Erscheinung getreten. Doch nach etwas mehr als acht Wochen sollte sich dieser Eindruck grundlegend ändern: Wir haben gestern nämlich überraschend entdeckt, dass unser Bad eine Fußbodenheizung besitzt. Wow echt Luxus! Monatelang sind wir ahnungslos an der Steuerungseinheit, die sich auf Fußleistenhöhe befindet vorbeigelaufen ohne von ihr Notiz zu nehmen. Jetzt dagegen: Erasmus deluxe – erst mal die Heizeinheit auf Stufe vier hochdrehen und danach duschen gehen. Es ist tatsächlich schön warm an den Füßen, allerdings muss man das Ding auch den ganzen Tag laufen lassen oder vorher schon wissen dass man in einer guten Stunde mal ins Bad will. Böse Zungen (ich) glauben sogar, endlich den Grund für die im vergangenen Monat um unglaubliche 1500 Prozent gestiegenen Heizkosten (jetzt 104,07 Kronen) ausgemacht zu haben: Die Finnen haben die Steuerung auch entdeckt und sich auf Stufe 5 im Dauerbetrieb ihre eigene Sauna gebastelt. Nur die Holzbänke fehlen uns dafür noch, dafür ist rechts im Bild der schicke Duschvorhang von Christian zu sehen:

Dusche im Wohnheim Raatuse 22