Archiv der Kategorie: Reise

Rückkehr nach Deutschland

Ich darf an dieser Stelle meine Rückkehr nach Berlin bekannt geben. Nach dem üblichen Warten am Check-In, dem Warten beim ‚Borden‘, dem Warten bei der Landung vor dem Erreichen der endgültigen Parkposition (wo alle schon längst abgeschnallt sind und nach vorne laufen) und dem Warten auf mein 23 Kilo Gepäck habe ich nun fürs erste genug gewartet und bin ganz froh wieder zurück in Deutschland zu sein. Ahoi!

Spaziergang am Lake Tartu

Lake Tartu

Tartu geizt nicht gerade mit schönen Wasserflächen: Neben dem Emajögi gibt es auch den weltbekannten Lake Tartu, zu sehen auf dem Foto. Keck ragen drei Findlinge aus der Wassermasse hervor, im Vordergrund sind noch die Schilfstummel vom letzten Sommer zu sehen. Lake Tartu, Findlinge, Schilfstummel? Hmm…na ok ich gebs zu! In echt fällt der „See“ etwas kleiner aus, als man es vom Bild vermuten würde. Nämlich genau so:

Lake Tartu 2

Es handelt sich beim Lake Tartu in Wahrheit nur um eine 1×2 Meter große Pfütze auf einem Feldweg nahe der Stadt. Die drei „Findlinge“ sind dann doch sehr handlich, die „Schilfstummel“ bestehen aus schnödem Gras. Beim ersten Foto war die Kamera fast auf der Höhe des matschigen Bodens, der gleiche Effekt wird übrigens auch angewandt um Hotelpools in Reiseprospekten größer erscheinen zu lassen. Also Augen auf, wenn euch jemand ein X für ein U…äh eine Pfütze für einen See vormacht!

Weihnachtliches Tartu

Weihnachtliches Tartu (Estland)

Anfang Dezember – In Tartu wird es jetzt langsam weihnachtlich. Während es bereits seit Tagen draußen schneegestöbert, wurde auf dem Raekoja-Platz vor dem Rathaus der Weihnachtsbaum aufgestellt. Bei Minusgeraden wurde an der estnischen Tanne herumgesägt – zusätzlich anmontierte Äste vermitteln das Bild eines besonders dichten Nadelwerkes. Da wird also ein klein wenig geschummelt. Anschließend kamen die obligatorischen Lichterketten an die Reihe: Der Baum besticht nun mit wild blitzenden Lämpchen (Stroboskop-Effekt) und wurde von uns spontan in „Diskotanne“ umgetauft.

Weihnachtliches Tartu (Estland) 2

Während auf dem Fluß Emajögi schmutzig-braune Eisschollen vorbeitreiben, hat sich das verschneite Tartu unversehens in ein buntes Lichtermeer verwandelt. Die küssenden Studenten vor dem Rathaus (siehe Foto) frieren sich in dieser Jahreszeit natürlich ganz schön den Arsch ab. Genau wie wir – deswegen gehts jetzt schön schnell wieder rein auf nen heißen Glögg!

Mit der Einwegkamera durch Riga

Riga mit der Einwegkamera 1

Auf dem Rückweg von Kaunas nach Tartu hatte ich etwa sechs Stunden Aufenthalt in Riga (Lettland). Zeit genug also für eine ausgiebige Stadtbesichtigung, aber leider ohne meine Fotokamera, die zuhause lag. Und ohne die, so musste ich schnell feststellen macht richtiges Touri-Sightseeing natürlich gar keinen Spaß. Vor allem, wenn um einen herum alle wild am knipsen sind, als würde Riga morgen komplett verschwinden und als Fotomotiv nicht mehr zur Verfügung stehen. Was also tun?

Spontan entschloss ich mich nach einer Einwegkamera Ausschau zu halten. Früher gabs die günstigen Knipsen doch an jeder Ecke — 30 Minuten später hatte ich zwei Fotogeschäfte, drei Kioske, eine russische Buchhandlung und die Touristeninformation abgeklappert. Digitalkameras kriegt man überall, die alten Einwegkameras sind hingegen beinahe sang- und klanglos verschwunden. Alle verknipst? Beinahe! Denn in einem schmalen Seitengang des Bahnhofs entdeckte ich doch noch einen kleinen Laden, der sogar zwei Modelle zur Wahl stellte. Ich entschied mich für das Modell im Tragebeutel mit dem trendigen Namen Kodak Fun Flash und legte 6 Lat und 50 Santimi auf die Theke.

Auspacken, aufziehen und los gehts! Das besondere an Einwegkameras ist ja ihre Eigenschaft, jedem Bild einen leichten Retrocharme zu verpassen. Die chronische Unschärfe, die nur teilweise wirklichkeitsgetreue Farbwiedergabe und die Verzerrungen der Plastiklinse lassen die Fotos wie aus einer anderen Zeit erscheinen. Ich habe die folgenden Aufnahmen daher nicht bearbeitet, sondern einfach nur auf das passende Format gebracht. Hier ist mein Best of Riga:

Riga mit der Einwegkamera 5

Auf dem Weg vom Bahnhof (Foto ganz oben) in die Altstadt habe ich natürlich schon mal gleich alles geknipst was mir vor die Linse kam: Links fescher Jugendstil, rechts formvollendeter Plattenbau…oder umgekehrt…

Riga mit der Einwegkamera 3

Ah, hier hatte ich meinen Finger auf der Linse. Sowas merkt man bei einer Einwegkamera natürlich erst wenn man den Film vom Entwickeln abholt. Aber ich kann ja auch beschreiben was die Frau oben auf dem Freiheitsdenkmal in ihren kupfernen Händen hält: Drei gestapelte Sterne. Diese stehen für die drei historischen Regionen Lettlands (Zemgale, Vidzeme und Latgale). Während der Sovietzeit musste das natürlich anders ausgelegt werden. Die Sterne standen damals offiziell für die drei baltischen Sovietrepubliken (Estland, Lettland, Litauen). Die ganzen Leute vor dem Denkmal schauen sich gerade eine Militärparade zum Tag der lettischen Freiheitskämpfer an.

Riga mit der Einwegkamera 2

Wenn man hinten steht, sieht man genauso wenig wie vorne. Die Blaskapelle hat immer denselben 30-Sekunden-Ausschnitt aus einem Marsch gespielt, dazwischen hat ein Mann im Anzug irgendwas auf lettisch über Lautsprecher erzählt. Die Soldaten standen einfach nur da. Dafür war der Platz mit lauter Geheimdienstleuten (Erkennungszeichen: Knopf im Ohr) und Scharfschützen auf den Dächern abgesichert. Ist aber nichts passiert (auch inhaltlich jetzt).

Riga Altstadt

Auch in der Altstadt hingen überall lettische Fahnen. Die Letten sind ähnlich wie die Esten sehr patriotisch, vermutlich also garnicht mal so ein ungewohntes Bild in Riga. Eigentlich glaube ich mich zu erinnern, dass da von der Flagge oben noch ein Stück mehr drauf war als ich auf den Auslöser gedrückt habe. Muss wohl irgendwo im Plastikgehäuse der Fun Flash verloren gegangen sein – oder das estnische Fotolabor hat sich da ein Stück von abgeschnitten… (wer weiß)

Riga Bahnhof Einwegkamera

Am Nachmittag habe ich mich wegen des schönen Wetters spontan entschlossen zum Strand von Riga (in Fachkreisen Latvia Beach) zu fahren. Mit einem Vorortzug fährt man etwa 20 Minuten aus der Stadt raus und bekommt zum günstigen Preis auch noch eine schöne Bahnfahrt geboten. Fahrkarten gibts an einem bestimmten Schalter, die Frauen in der Touristeninformation wissen schon wenn man reinkommt dass man den gerade verzweifelt sucht…

Riga mit der Einwegkamera 4

Auf diesem Foto kommt der besagte Retrocharme der Einwegkamera wieder besonder gut raus. Man beachte den Himmel, die verwaschenen Markthallen im Hintergrund und den belebten Busbahnhof im Vordergrund. Ich bin übrigens nach Majori gefahren, einem kleinen Badeort der direkt an der Ostsee liegt.

Strand von Riga

Hier der Beweis: Ich war wirklich am Strand von Riga! (Ok, das könnte jetzt natürlich auch irgendwo ganz anders gewesen sein. Die Ostsee sieht sich halt überall so verdammt ähnlich. Mit dem Foto könnte ich also nächstes Jahr auch behaupten, dass ich auf Usedom gewesen bin – würden mir warscheinlich auch alle glauben…*hohoho*) Spaß beiseite, ich war natürlich wirklich da. Echte Latvia Beach-Experten erkennen dies selbstverständlich ohne weiteres an Lichteinfall, Sandfärbung und Schrittweite der beiden Herren im Hintergrund.

Zug fahren um Riga

Mit dem Zug gings auch wieder zurück. Der Typ der da so böse aus der Tür guckt ist der Lokführer. Der will vermutlich mehr Lohn oder nicht von mir fotografiert werden oder wundert sich über meine komische Einwegkamera – oder alles drei. Bevor mir hier noch der letzte Zug vor der Nase wegfährt, steige ich mal lieber schnell ein und sage: Tschüß Riga!

Das Whirlpool-Prinzip

Das Whirlpool-Prinzip (Foto: Aura Keskus Tartu)

Der Mensch ist ja von angeborenen Verhaltensregeln geprägt, welche sich in der Öffentlichkeit besonders deutlich zeigen. Einer der klassischen Orte ist hierfür das Schwimmbad, das einen idealen Tummelplatz für die verschiedensten Macht- und Balzrituale bietet. Verschärfend wirkt eine nahezu immer vorherrschende Knappheit von Ressourcen (Sonnenliegen, Whirlpoolplätze). Auch im Aura Keskus hier in Tartu ist das nicht anders. Gestern war ich dort und habe einige interessante Beobachtungen gemacht, welche sich am besten unter dem Begriff „Whirlpool-Prinzip“ zusammenfassen lassen:

Zwei unterschiedliche Parteien, die Draußensteher und die Drinnensitzer, stehen sich hierbei unversöhnlich gegenüber. Die Draußensteher beneiden die Drinnensitzer um ihren Platz im Whirlpool. „Wieso müssen die da eigentlich so lange da drin sitzen? Müssen die sich so breit machen?“, sind häufige – zumeist leise geäußerte – Vorwürfe. Maulend liegen die Draußensteher auf der Lauer und warten grimmig darauf, dass die Drinnensitzer eine Schwäche zeigen und eine kurze Pause von ihrer Blubbermassage machen. Schon ist der Augenblick gekommen! Die Draußensitzer belegen blitzartig die frei gewordenen Plätze und werden so zu Drinnensitzern.

Mit der neuen Whirlpool-Ordnung verwandelt sich auch unverzüglich ihr Verhalten: Die neuen Drinnensitzer machen sich breit, legen ihre Arme breit auf den Rand des Pools und strecken ihre Beine genüßlich aus um möglichst viel Platz für sich zu beanspruchen. Sie kosten ihre Macht vollends aus, denn sie wissen um ihre Vergänglichkeit: Früher oder später kriegen im Whirlpool alle schrumplige Finger und müssen wieder raus.

(Foto: Aura Keskus in Tartu, Estonia | www.aurakeskus.ee)

Beim Meeste Juuksur in Tartu

Meeste Juuksur - Friseur in Tartu

Ich war letzte Woche beim Friseur hier in Tartu, genauer beim Meeste Juuksur (Herrencoiffeur) am Marktplatz. Direkt neben dem stylischen salon plus (Waschen, Schneiden, Kopfmassage = 18 Euro) werden hier im grellen Neonlicht die Haare gestutzt. Die Ausstattung des Salons ist spartanisch: Die Friseure und Friseusen arbeiten selbstständig an ihrem Spiegeltisch, jeder hat seine eigene Palette an Gels, Sprays und Pflegemitteln dabei. Geschnitten wird im Akkord, die Kunden – darunter viele Esten – warten auf einer Stuhlreihe auf der anderen Seite des Salons (Bild rechts, wo die Tür ist). Die gemütliche Arbeitsethik gilt aber auch hier: Zwischendurch ist immer Zeit für eine kleine Pause, niemand versucht mehr Kunden zu versorgen als unbedingt nötig. Konkurrenzlos ist für deutsche Verhältnisse vor allem der Preis: 80 Kronen – umgerechnet 5,30 Euro kostet der neue Haarschnitt bei Meeste Juuksur.

In der Altstadt von Vilnius

„Die ganze Altstadtgeschichte lasse ich mal fuer meinen bloggenden Bruder uebrig, der will ja auch noch was ueber Vilnius schreiben. Weiss nicht wann er das schafft, zur Zeit spielt er Praesident Nixon in einer Simulation seiner Uni und will Kissinger verknacken. (bestimmt sehr zeitaufwaendig)“ schreibt Sammy in seinem Blog.

Nachdem ich schon so toll angekündigt wurde, will ich mich jetzt natürlich nicht lumpen lassen – und berichte aus erster Hand über unser Sightseeing in der berühmten Altstadt von Vilnius. Das einzige was noch fehlt, sind Fotos…ah da ist ja auch schon das erste:

Altstadt von Vilnius in Litauen

Wie man sieht ist sie (die Altstadt) nicht nur sehr alt, sondern auch sehr gepflegt. Die Häuser frisch herausgeputzt, die Straßenplatten neu gelegt. Nicht täuschen lassen sollte man sich von der vermeintlichen Größe: Die Altstadt ist klein und man kann ohne große Probleme alle Sehenswürdigkeiten an einem Tag besuchen. Das sieht im übrigen auch der sonst nützliche Lonely Planet so: Für den zweiten Tag fällt ihm nur noch das Museum der Genozidopfer ein, dem ein „Bummel“ durch die „Künstlerkolonie Uzupis“ folgen kann, ehe es zum (unalkoholischen) Aperitif einen Panoramablick auf Vilnius gibt:

Panoramablick auf Vilnius

Die Befestigungsanlagen der Stadt schützten im 14. und 15. Jahrhundert vor den Angriffen der Ritter des Deutschen Ordens und später auch vor den Tartaren (mit Vorreiter Dschinghis Khan), die mit den Einwohnern sonst sicher kurzen Prozess gemacht hätten. Ende des 16. Jahrhunderts zählte Vilnius zu den größten Städten Osteuropas, Handel und Handwerk brachten die Stadt zum erblühen.

Wie schon gesagt ist die putzige Altstadt an einem halben Nachmittag erkundet und so kamen wir gerade zum dritten Mal an einem großen aufgepusteten Zelt vorbei, in welchem Leute auf Liegestühlen relaxten. Unschlüssig standen wir kurz darauf vor dem Eingang, als uns ein junger Mann zu winkte. „Kommt doch herein“, rief er uns auf Litauisch zu. Vorsichtig rückten wir näher und fanden uns alsbald im Inneren des Kuppelzeltes wieder. Ehe wir es uns versahen, hatten wir auch schon gratis Pappbrillen in der Hand und wurden zu bereit stehenden Liegestühlen dirigiert. Hier konnte man auf Kunstrasen relaxen, sich Blumenkübel anschauen und dazu einer Art Chillout-Mucke lauschen. Der Knüller! Die Sonnenbrillen lockerten zudem unsere Lachmuskeln, selten haben wir soo dämlich ausgesehen:

Blogger in Vilnius

Es handelte sich bei der ganzen Aktion übrigens um ein Kunstprojekt namens „Lux“, wie wir einem Flyer entnehmen konnten. Bruder Sammy hat den gelben Nasenhöcker übrigens auch auf gehabt und sich damit ganz vorzüglich entspannt:

Sammy chillt im Kuppelzelt