Archiv der Kategorie: Freizeit

Spaziergang am Lake Tartu

Lake Tartu

Tartu geizt nicht gerade mit schönen Wasserflächen: Neben dem Emajögi gibt es auch den weltbekannten Lake Tartu, zu sehen auf dem Foto. Keck ragen drei Findlinge aus der Wassermasse hervor, im Vordergrund sind noch die Schilfstummel vom letzten Sommer zu sehen. Lake Tartu, Findlinge, Schilfstummel? Hmm…na ok ich gebs zu! In echt fällt der „See“ etwas kleiner aus, als man es vom Bild vermuten würde. Nämlich genau so:

Lake Tartu 2

Es handelt sich beim Lake Tartu in Wahrheit nur um eine 1×2 Meter große Pfütze auf einem Feldweg nahe der Stadt. Die drei „Findlinge“ sind dann doch sehr handlich, die „Schilfstummel“ bestehen aus schnödem Gras. Beim ersten Foto war die Kamera fast auf der Höhe des matschigen Bodens, der gleiche Effekt wird übrigens auch angewandt um Hotelpools in Reiseprospekten größer erscheinen zu lassen. Also Augen auf, wenn euch jemand ein X für ein U…äh eine Pfütze für einen See vormacht!

Das Whirlpool-Prinzip

Das Whirlpool-Prinzip (Foto: Aura Keskus Tartu)

Der Mensch ist ja von angeborenen Verhaltensregeln geprägt, welche sich in der Öffentlichkeit besonders deutlich zeigen. Einer der klassischen Orte ist hierfür das Schwimmbad, das einen idealen Tummelplatz für die verschiedensten Macht- und Balzrituale bietet. Verschärfend wirkt eine nahezu immer vorherrschende Knappheit von Ressourcen (Sonnenliegen, Whirlpoolplätze). Auch im Aura Keskus hier in Tartu ist das nicht anders. Gestern war ich dort und habe einige interessante Beobachtungen gemacht, welche sich am besten unter dem Begriff „Whirlpool-Prinzip“ zusammenfassen lassen:

Zwei unterschiedliche Parteien, die Draußensteher und die Drinnensitzer, stehen sich hierbei unversöhnlich gegenüber. Die Draußensteher beneiden die Drinnensitzer um ihren Platz im Whirlpool. „Wieso müssen die da eigentlich so lange da drin sitzen? Müssen die sich so breit machen?“, sind häufige – zumeist leise geäußerte – Vorwürfe. Maulend liegen die Draußensteher auf der Lauer und warten grimmig darauf, dass die Drinnensitzer eine Schwäche zeigen und eine kurze Pause von ihrer Blubbermassage machen. Schon ist der Augenblick gekommen! Die Draußensitzer belegen blitzartig die frei gewordenen Plätze und werden so zu Drinnensitzern.

Mit der neuen Whirlpool-Ordnung verwandelt sich auch unverzüglich ihr Verhalten: Die neuen Drinnensitzer machen sich breit, legen ihre Arme breit auf den Rand des Pools und strecken ihre Beine genüßlich aus um möglichst viel Platz für sich zu beanspruchen. Sie kosten ihre Macht vollends aus, denn sie wissen um ihre Vergänglichkeit: Früher oder später kriegen im Whirlpool alle schrumplige Finger und müssen wieder raus.

(Foto: Aura Keskus in Tartu, Estonia | www.aurakeskus.ee)

Beim Meeste Juuksur in Tartu

Meeste Juuksur - Friseur in Tartu

Ich war letzte Woche beim Friseur hier in Tartu, genauer beim Meeste Juuksur (Herrencoiffeur) am Marktplatz. Direkt neben dem stylischen salon plus (Waschen, Schneiden, Kopfmassage = 18 Euro) werden hier im grellen Neonlicht die Haare gestutzt. Die Ausstattung des Salons ist spartanisch: Die Friseure und Friseusen arbeiten selbstständig an ihrem Spiegeltisch, jeder hat seine eigene Palette an Gels, Sprays und Pflegemitteln dabei. Geschnitten wird im Akkord, die Kunden – darunter viele Esten – warten auf einer Stuhlreihe auf der anderen Seite des Salons (Bild rechts, wo die Tür ist). Die gemütliche Arbeitsethik gilt aber auch hier: Zwischendurch ist immer Zeit für eine kleine Pause, niemand versucht mehr Kunden zu versorgen als unbedingt nötig. Konkurrenzlos ist für deutsche Verhältnisse vor allem der Preis: 80 Kronen – umgerechnet 5,30 Euro kostet der neue Haarschnitt bei Meeste Juuksur.

In der Altstadt von Vilnius

„Die ganze Altstadtgeschichte lasse ich mal fuer meinen bloggenden Bruder uebrig, der will ja auch noch was ueber Vilnius schreiben. Weiss nicht wann er das schafft, zur Zeit spielt er Praesident Nixon in einer Simulation seiner Uni und will Kissinger verknacken. (bestimmt sehr zeitaufwaendig)“ schreibt Sammy in seinem Blog.

Nachdem ich schon so toll angekündigt wurde, will ich mich jetzt natürlich nicht lumpen lassen – und berichte aus erster Hand über unser Sightseeing in der berühmten Altstadt von Vilnius. Das einzige was noch fehlt, sind Fotos…ah da ist ja auch schon das erste:

Altstadt von Vilnius in Litauen

Wie man sieht ist sie (die Altstadt) nicht nur sehr alt, sondern auch sehr gepflegt. Die Häuser frisch herausgeputzt, die Straßenplatten neu gelegt. Nicht täuschen lassen sollte man sich von der vermeintlichen Größe: Die Altstadt ist klein und man kann ohne große Probleme alle Sehenswürdigkeiten an einem Tag besuchen. Das sieht im übrigen auch der sonst nützliche Lonely Planet so: Für den zweiten Tag fällt ihm nur noch das Museum der Genozidopfer ein, dem ein „Bummel“ durch die „Künstlerkolonie Uzupis“ folgen kann, ehe es zum (unalkoholischen) Aperitif einen Panoramablick auf Vilnius gibt:

Panoramablick auf Vilnius

Die Befestigungsanlagen der Stadt schützten im 14. und 15. Jahrhundert vor den Angriffen der Ritter des Deutschen Ordens und später auch vor den Tartaren (mit Vorreiter Dschinghis Khan), die mit den Einwohnern sonst sicher kurzen Prozess gemacht hätten. Ende des 16. Jahrhunderts zählte Vilnius zu den größten Städten Osteuropas, Handel und Handwerk brachten die Stadt zum erblühen.

Wie schon gesagt ist die putzige Altstadt an einem halben Nachmittag erkundet und so kamen wir gerade zum dritten Mal an einem großen aufgepusteten Zelt vorbei, in welchem Leute auf Liegestühlen relaxten. Unschlüssig standen wir kurz darauf vor dem Eingang, als uns ein junger Mann zu winkte. „Kommt doch herein“, rief er uns auf Litauisch zu. Vorsichtig rückten wir näher und fanden uns alsbald im Inneren des Kuppelzeltes wieder. Ehe wir es uns versahen, hatten wir auch schon gratis Pappbrillen in der Hand und wurden zu bereit stehenden Liegestühlen dirigiert. Hier konnte man auf Kunstrasen relaxen, sich Blumenkübel anschauen und dazu einer Art Chillout-Mucke lauschen. Der Knüller! Die Sonnenbrillen lockerten zudem unsere Lachmuskeln, selten haben wir soo dämlich ausgesehen:

Blogger in Vilnius

Es handelte sich bei der ganzen Aktion übrigens um ein Kunstprojekt namens „Lux“, wie wir einem Flyer entnehmen konnten. Bruder Sammy hat den gelben Nasenhöcker übrigens auch auf gehabt und sich damit ganz vorzüglich entspannt:

Sammy chillt im Kuppelzelt

Besuch in Kaunas (Litauen)

Kaunas 2

Was verschlägt mich in diesen winterlich-trüben Tagen ausgerechnet in die Industriestadt Kaunas in Litauen? Ganz einfach: Ich bin der Einladung meines bloggenden Bruders (Spitzname: Bratpirat) gefolgt, ihn einfach mal an seinem Praktikumsplatz dort zu besuchen. Jetzt stehe ich also hier in der Dämmerung, ganze neun Stunden Fahrt von Tartu über Riga liegen hinter mir und warte auf meinen Bruder. Der Busbahnhof von Kaunas ist nicht sonderlich einladend, überall lungern grimmige kurzhaarige Typen in schwarzen Jacken herum, die auf irgendetwas zu warten scheinen – hoffentlich nicht auf mich! Aber da ist mein Bruder auch schon, winkend kommt er mir entgegen gelaufen.

„Lass uns zu Fuß zu meinem Wohnheim gehen“, schlägt er vor. „Sind nur ein paar Minuten von hier durch den Park“, fügt er grinsend hinzu. Der kleine Fußweg durch den Park entpuppt sich als ausgewachsene Wanderung durch alle möglichen Stadtteile und ich bin froh als wir endlich an einem grauen Plattenbau Halt machen, in dem sich das Wohnheim für internationale Gäste befindet.

Kirche in Kaunas

Am nächsten Morgen machen wir Sightseeing in Kaunas: Die Altstadt ist wirklich sehr schön, wenngleich an vielen Stellen der Lack schon etwas ab ist. Das kann man auf dem Foto übrigens auch ganz gut sehen. Bei den Herren die da so eilig vorbeigehen haben wir uns übrigens auch gefragt, was die wohl so beruflich machen…vielleicht Bestatter oder sowas?

Abgesehen davon hat die zweitgrößte Stadt Litauens bei mir einen sehr gemischten Eindruck hinterlassen, auf der einen Seite ist sie durchaus schön, hat große Parks, viele Kirchen und viele junge Leute – auf der anderen Seite gibt es auch eine ganze Menge graue, trostlose und industriell-geprägte Ecken. In den Satellitenvorstädten lacht einen bautechnisch noch immer der Kommunismus an.

Kaunas 3

Auf zum nächsten Bild: Im Vordergrund sehen wir eine breite sozialistische Prachtstraße, rechts daneben einen kleinen Park der direkt runter zum Fluß führt. Die große Bauruine links sollte wohl mal ein Geschäftszentrum oder ein Firmensitz werden, rottet nun aber als Rohbau langsam vor sich hin. Rechts dagegen ein erfolgreiches Beispiel: Das AKROPOLIS (benannt nach dem griechischen Tempelberg) ist die größte Shoppingmall die ich je gesehen habe. Mit mehreren Etagen und Seitenarmen fängt sie kauflustige Litauer ein und spuckt sie erst wieder aus, wenn das Geld alle ist.

Das Schild von MAXIMA mit drei Kreuzen kann man in der Mitte hinten auch noch sehen. Hier macht man wirklich drei Kreuze, wenn man endlich durch die Kasse durch ist. Ich konnte es vorher nicht glauben, als mein Bruder mir davon erzählt hat aber es stimmt: Die Kassiererinnen in Litauen scannen die Artikel so langsam, da kann man sich in Ruhe noch was zu lesen mitnehmen während man ansteht. Wir waren im Supermarkt, vier Leute mit halbvollen Tragekörben vor uns und haben (kein Witz!) über zehn Minuten gewartet. Weitere Versuche belegen die Wartedauer empirisch. Im großen Maxima mit den vielen Kreuzen haben sie jetzt sogar Flachbildschirme an die Kassen gehängt, da kann man wenigstens noch Kinospots und Werbung schauen während man wartet.

Anglerparade in Kaunas (Litauen)

Geduld spielt ja auch beim Angeln eine große Rolle. Diese Anglerparade konnten wir an der Memel beim Rute auswerfen beobachten. Der Fluß zählt zu den verschmutztesten in ganz Europa, was die Kaunaser..äh..Kaunesier..Kaunassen (?) aber nicht davon abhält hier ihr Glück zu versuchen. Zwischendurch hat sogar mal jemand was gefangen, es leben also noch Fische hier. Eh wir den Gesundheitszustand des schwimmenden Abendbrots prüfen konnten, mussten wir auch schon weiter – der Bratpirat hatte nämlich noch eine wichtige Mission mit mariniertem Schnitzel an der Pfanne zu absolvieren. Brat Brat Ole!

Und in Folge 2: Wir zeigen euch wo und was die Spatzen in Vilnius von den Dächern pfeifen, wie sich junge Deutsche mit peinlichen Gratisbrillen zum Volldepp machen und welchen Vodka man in Litauen unbedingt mal probiert haben sollte.

Erasmus deluxe mit Fußbodenheizung

Raatuse Fussbodenheizung

Unser Wohnheim in Raatuse 22 ist ja bisher eher mit sprödem Krankenhaus-Charme und minimalistischer Küchenausstattung in Erscheinung getreten. Doch nach etwas mehr als acht Wochen sollte sich dieser Eindruck grundlegend ändern: Wir haben gestern nämlich überraschend entdeckt, dass unser Bad eine Fußbodenheizung besitzt. Wow echt Luxus! Monatelang sind wir ahnungslos an der Steuerungseinheit, die sich auf Fußleistenhöhe befindet vorbeigelaufen ohne von ihr Notiz zu nehmen. Jetzt dagegen: Erasmus deluxe – erst mal die Heizeinheit auf Stufe vier hochdrehen und danach duschen gehen. Es ist tatsächlich schön warm an den Füßen, allerdings muss man das Ding auch den ganzen Tag laufen lassen oder vorher schon wissen dass man in einer guten Stunde mal ins Bad will. Böse Zungen (ich) glauben sogar, endlich den Grund für die im vergangenen Monat um unglaubliche 1500 Prozent gestiegenen Heizkosten (jetzt 104,07 Kronen) ausgemacht zu haben: Die Finnen haben die Steuerung auch entdeckt und sich auf Stufe 5 im Dauerbetrieb ihre eigene Sauna gebastelt. Nur die Holzbänke fehlen uns dafür noch, dafür ist rechts im Bild der schicke Duschvorhang von Christian zu sehen:

Dusche im Wohnheim Raatuse 22

Afrika für 4,28 Euro: Im Tarifdschungel der Eesti Post

Preise Estland Deutschland Paket

Neulich wollte ich einem guten Freund in Deutschland ein paar Flaschen besten estnischen Bieres per Paket zusenden. Wenn man sich allerdings die Preise hierfür auf der Seite der Eesti Post anschaut, vergeht einem die Lust auf jeglichen innereuropäischen Versand gründlich: Pauschal werden für jedes Paket 179 Kronen, also 11 Euro und 44 Cent berechnet. Für jedes Kilo kommt dann pauschal 1 Euro (15 Kronen) drauf. Das ist teuer. Lohnen tut es sich nur für schwere Pakete. Je schwerer desto besser.

Interessant wird das Ganze, wenn man nur zwei Zeilen weiter oben in der Tabelle (siehe Bild) schaut. Ein Paket auf die knapp 10.880 Kilometer entfernte Karibikinsel Saint Lucia zu schicken, kostet mit viereurodreiundsiebzig nämlich deutlich weniger als die Hälfte! Auch die höheren Kilopreise wiegen diesen Unterschied nicht mehr auf. Wenn man weiter schaut muss man zu dem unweigerlichen Schluß kommen, dass das Tarifsystem der estnischen Post komplett unlogisch und willkürlich ist.

Eine genauere Analyse der Tabelle ergab: Nur Argentinien (202), Brasilien (213) und Afghanistan (220 Kronen) sind noch teurer als Deutschland – die Bundesrepublik steht an vierthöchster Stelle der estnischen Paket-Tarifliste, weit vor Asien, Afrika, der kompletten Karibik und Australien. Die Berechnung erfolgt offensichtlich nicht nach der Entfernung, sondern nach anderen, völlig undurchsichtigen Kriterien.

Doch es gibt einen Lichtblick: Denn nach Somalia ist der Paketversand besonders günstig. Für umgerechnet 4,28 Euro und nur 51 Cent pro Kilogramm bringt die estnische Post alle verpackten Waren auf den afrikanischen Kontinent. Dies veranlasst mich spontan zu folgender Annonce:

„Suche seriösen Kontaktmann/frau in Somalia der meine Pakete aus Estland entgegen nimmt und über das lokale Postamt an Freunde in Deutschland weiterversendet. Zahle gute Provision! Tel. usw.“