Monatsarchiv: Oktober 2007

Erasmus deluxe mit Fußbodenheizung

Raatuse Fussbodenheizung

Unser Wohnheim in Raatuse 22 ist ja bisher eher mit sprödem Krankenhaus-Charme und minimalistischer Küchenausstattung in Erscheinung getreten. Doch nach etwas mehr als acht Wochen sollte sich dieser Eindruck grundlegend ändern: Wir haben gestern nämlich überraschend entdeckt, dass unser Bad eine Fußbodenheizung besitzt. Wow echt Luxus! Monatelang sind wir ahnungslos an der Steuerungseinheit, die sich auf Fußleistenhöhe befindet vorbeigelaufen ohne von ihr Notiz zu nehmen. Jetzt dagegen: Erasmus deluxe – erst mal die Heizeinheit auf Stufe vier hochdrehen und danach duschen gehen. Es ist tatsächlich schön warm an den Füßen, allerdings muss man das Ding auch den ganzen Tag laufen lassen oder vorher schon wissen dass man in einer guten Stunde mal ins Bad will. Böse Zungen (ich) glauben sogar, endlich den Grund für die im vergangenen Monat um unglaubliche 1500 Prozent gestiegenen Heizkosten (jetzt 104,07 Kronen) ausgemacht zu haben: Die Finnen haben die Steuerung auch entdeckt und sich auf Stufe 5 im Dauerbetrieb ihre eigene Sauna gebastelt. Nur die Holzbänke fehlen uns dafür noch, dafür ist rechts im Bild der schicke Duschvorhang von Christian zu sehen:

Dusche im Wohnheim Raatuse 22

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Afrika für 4,28 Euro: Im Tarifdschungel der Eesti Post

Preise Estland Deutschland Paket

Neulich wollte ich einem guten Freund in Deutschland ein paar Flaschen besten estnischen Bieres per Paket zusenden. Wenn man sich allerdings die Preise hierfür auf der Seite der Eesti Post anschaut, vergeht einem die Lust auf jeglichen innereuropäischen Versand gründlich: Pauschal werden für jedes Paket 179 Kronen, also 11 Euro und 44 Cent berechnet. Für jedes Kilo kommt dann pauschal 1 Euro (15 Kronen) drauf. Das ist teuer. Lohnen tut es sich nur für schwere Pakete. Je schwerer desto besser.

Interessant wird das Ganze, wenn man nur zwei Zeilen weiter oben in der Tabelle (siehe Bild) schaut. Ein Paket auf die knapp 10.880 Kilometer entfernte Karibikinsel Saint Lucia zu schicken, kostet mit viereurodreiundsiebzig nämlich deutlich weniger als die Hälfte! Auch die höheren Kilopreise wiegen diesen Unterschied nicht mehr auf. Wenn man weiter schaut muss man zu dem unweigerlichen Schluß kommen, dass das Tarifsystem der estnischen Post komplett unlogisch und willkürlich ist.

Eine genauere Analyse der Tabelle ergab: Nur Argentinien (202), Brasilien (213) und Afghanistan (220 Kronen) sind noch teurer als Deutschland – die Bundesrepublik steht an vierthöchster Stelle der estnischen Paket-Tarifliste, weit vor Asien, Afrika, der kompletten Karibik und Australien. Die Berechnung erfolgt offensichtlich nicht nach der Entfernung, sondern nach anderen, völlig undurchsichtigen Kriterien.

Doch es gibt einen Lichtblick: Denn nach Somalia ist der Paketversand besonders günstig. Für umgerechnet 4,28 Euro und nur 51 Cent pro Kilogramm bringt die estnische Post alle verpackten Waren auf den afrikanischen Kontinent. Dies veranlasst mich spontan zu folgender Annonce:

„Suche seriösen Kontaktmann/frau in Somalia der meine Pakete aus Estland entgegen nimmt und über das lokale Postamt an Freunde in Deutschland weiterversendet. Zahle gute Provision! Tel. usw.“

 

Willkommen im Saufpark

Saufpark in Tartu

Auf dem Bild seht ihr den einzigen Ort in Tartu und meines Wissens sogar in ganz Estland, in welchem in der Öffentlichkeit Alkohol getrunken werden darf. Das ist sonst nämlich strikt verboten. Der ‚Saufpark‘ befindet sich vor dem Püssirohukelder (Pulverkeller) direkt an der Kreuzung Lossistraße/Ülikoolistraße. Und das Angebot wird rege genutzt: Egal ob es draußen warm oder kalt ist, immer sitzen Leute mit Bierflaschen auf der Wiese oder den Bänken und unterhalten sich. Für viele Esten ist es auch eine günstige Alternative zu ständigen Pub- und Cafébesuchen. Austauschstudenten trifft man hier dann auch eher selten, ist ja auch eher aufwendig sich ein Bier im Supermarkt zu kaufen und über den Fluß zurück in die Altstadt (wo der Saufpark liegt) zu laufen, um es dort zu trinken. Die meisten ziehen ein warmes Sofa in einer der Café-Bars vor, was bei der derzeitigen Außentemperatur von etwa 5° Celsius auch überaus verständlich ist.

Sex auf Brücke mitten in Tartu

Sex auf Brücke in Tartu Estland

Da lebt man schon in Tartu, geht jeden Tag über die Brücke die das Wohnheim mit der Innenstadt und der Universität verbindet und erfährt dann trotzdem erst aus der Bild-Zeitung, dass ein Pärchen am hellichten Tag Sex auf dem Brückenbogen eben dieser Brücke gehabt hat. Aus blogjournalistischer Sicht schon irgendwie bedenklich oder?

Zitat BILD: „Höhepunkt in 45 Meter Höhe – und unten rauschte der Fluss.“ – wobei man an dieser Stelle schon darauf hinweisen muss, dass es sich bei dem Emajögi um keinen rauschenden Gebirgsbach handelt, sondern eher um ein träge fließendes Gewässer alá Elbe oder Spree, das Rauschen sich also arg in Grenzen hält.

Aber natürlich freut sich das Boulevard-Blatt über die Sexfotos die wohl aus einem Video stammen, dass findige Esten auf einer niederländischen Seite hochgeladen haben und bemerkt spitz: „Zwei Getränke in greibarer Nahe – und schon gibt die Dame alles.“

Die Story von Bild gibt es hier. Mehr Fotos gibts auf dieser lettischen Seite und hier.
Sex on Bridge Tartu in Estonia

Hier nochmal ein Überblick über die Szenerie mit dem Fluß Emajögi, dem begehbaren Brückenbogen, herbstlichem Wald und im Hintergrund dem Wohnheim in der Narva Mnt. 25 – oh, und natürlich dem Pärchen in der Mitte. Einige Kenner glauben übrigens auf dem ersten Foto neben der Cola-Flasche einen Vana Tallinn (bekannter Kräuterlikör aus Estland) erkannt zu haben.

Ansonsten sind die Informationen eher spärlich gestreut: Datum und Uhrzeit fehlen ebenso wie Hinweise auf die niederländische Seite, auf der das komplette Video veröffentlicht wurde. Das Video könnte also gut auch schon ein paar Jahre alt sein, da bisher auch noch keine estnischen Zeitungen über das Thema berichtet haben.

English (short version, mal ausnahmsweise): A couple had sex on a bridge in right in the center of Tartu in Estonia. They were filmed and some German yellow press newspaper published pictures of them caught in the act. Are these young people Estonians? And is this video really and actual one – because Estonian newspaper didn’t mentioned the case until now..

(Ausrisse von mir, Fotos: tribine.lv, funtasticus.com)

 

St. Petersburg bei Nacht

St. Petersburg bei Nacht

Hier nun wie versprochen der zweite Teil meines St. Petersburg-Artikels, den ich unter dem klangvollen Titel Das heiße Nachtleben von St. Petersburg – Weiber, Wodka, Walachei angekündigt hatte. Den ersten Teil findet ihr hier.

Wie bei Gruppenreisen üblich machen die Veranstalter vorab Vorschläge für das Abendprogramm. In unserem Fall war das die einmalige Gelegenheit („this happens to you once in a lifetime“) einen russischen Folklore-Abend zu besuchen. Der hohe Eintrittspreis von umgerechnet 25 Euro und der mutmaßlich noch höhere Touri-Faktor dieses Events schreckte uns jedoch ab. Es kam zu einer Spaltung der Gruppe: Während die einen sich für 4,50 Euro ein Ballett anschauten („war echt dillettantisch“), gingen andere in ein klassisches Konzert („war ziemlich gut“). Julia, eine Österreicherin, und ich entschieden uns für die dritte Variante und zogen mit unseren Kameras bewaffnet durch das abendliche St. Petersburg. Miriam, bloggende Niederländerin, schloß sich uns – ohne Kamera – an.

St. Petersburg bei Nacht 2

St. Petersburg ist bei Nacht ja ein ganz besonderes Spektakel. Die Leute gehen spät aus um zu essen oder zu feiern und so ist auch um 11 oder 12 Uhr noch richtig viel auf den Straßen los. Der Mittelpunkt unserer kleinen Fotoexkursion bildete der Nevskij-Prospekt, die größte Einkaufs- und Feiermeile der Stadt. Wenn man nach einem deutschen Vergleich sucht, würde man vielleicht den Kurfüstendamm in Berlin anführen, aber das trifft es nicht ganz. Der Prospekt erstreckt sich über mehrere Kilometer schnurgerade durch die Stadt und lud mit seinen vielen Lichtern zu tollen Langzeitbelichtungen ein. Für manche Fotos haben wir eine Belichtungszeit von zehn Sekunden gewählt, um das beste aus der Szenerie herauszuholen. Miriam hat sich glaube ich ziemlich gelangweilt, vor allem da wir wie für Fotografen üblich, von jedem Motiv fünf oder sechs Aufnahmen gemacht haben. Wir hatten sie aber vorgewarnt, dass wir unsere Zeit brauchen würden.

St. Petersburg bei Nacht 3

Abendessen waren wir dann in einem einfachen Restaurant in einer kleinen Seitenstraße. Die russischen Bedienungen verstanden wie üblich kein Englisch. Zum Glück lagen die Speisen in einer Buffetvitrine aus, so dass ich einfach auf Fleisch, Reis und gefüllte Paprika zeigen konnte. Es war auch echt lecker!

St. Petersburg bei Nacht 4

Später sind wir dann zum Treffpunkt zurückgegangen. Es war nur noch der Bus der anderen Gruppe da, der zum weiter entfernt liegenden Hotel fahren sollte. Ich bin dann also zu Fuß durch die nächtliche Stadt zurückgelaufen. Vorab hatten einige ja Horrorgeschichten erzählt, von wegen dass man in St. Petersburg gleich ausgeraubt wird, besser keine U-Bahn fahren sollte etc. Letzlich war es aber überhaupt kein Problem, habe mich nicht besonders unsicher gefühlt. Klar sollte man ein bisschen aufpassen, aber das muss man in jeder Großstadt. Keinem von der Reisegruppe ist im übrigen irgendwas gestohlen worden.

St. Petersburg bei Nacht 5

Fehlen eigentlich nur noch die versprochenen drei W’s:

Weiber: Gab es für einige meiner Mitbewohner (Namen der Redaktion bekannt) in der Tittenbar Golden Dolls auf dem Nevskij-Prospekt. Für 500 Rubel Eintritt gabs ihrer Aussage zufolge jede Menge nackte Haut und erotische Tanzeinlagen. Privatstrip oder das gemeinsame Duschen mit einer der Tänzerinnen kostete aber extra.

Wodka: Gabs für mich und ein paar andere in einer sehr gemütlichen Sushi-Bar in der Innenstadt. Wodka wurde in 50ml Shot-Gläsern á 2,10 Euro serviert, ich habe Russian Standard Premium und Russian Standard Standard probiert. Der Premium konnte mit ein wenig ausgefeilteren Geschmacksaromen überzeugen, ging ansonsten aber anspruchslos durch die Kehle. Der Abend war sehr unterhaltsam und wir kamen erst spät ins Hotel zurück.

Walachei: Liegt ja, wie eine Mitreisende schon richtig angemerkt hat, eigentlich in Rumänien. Zugleich bezeichnet man damit aber auch eine sehr abgelegene Region. In so eine war mein Zimmergenosse auf seiner ganz eigenen Exkursion zu einer deutschen Kneipe namens Bierkönig nämlich geraten. Kurz nach zwei Uhr nachts werden in St. Petersburg nämlich die Brücken über die Newa hochgeklappt, damit die Lastschiffe durchfahren können. Er war auf der anderen Seite gefangen und musste sich durch „nicht so tolle Stadtteile“ auf die Suche nach einem Taxi machen. Ist aber mit dem Schrecken davongekommen.

Reise nach St. Petersburg

Peterhof bei St. Petersburg

St. Petersburg – das klingt nach Zarenreich, prunkvoller Altstadt und gutem russischen Vodka. Also genug Gründe der zweitgrößten Stadt Russlands einen Besuch abzustatten. Mit dem Bus wäre die Millionencity am finnischen Meerbusen von Tartu aus in vier Stunden zu erreichen – wenn da nicht die russische Grenze mit ihren besonders liebenswerten Grenzbeamten wäre. Auf der Hinfahrt haben wir in Narva etwa anderthalb Stunden gewartet. Wir haben unser ganzes Gepäck aus dem Bus ausgeladen, es per Hand über die Grenze getragen und auf der anderen Seite wieder eingeladen. Nicht dass da ein Beamter tatsächlich einen Blick in unsere Taschen geworfen hätte. Außerdem haben wir brav die Einreisezettel ausgefüllt, den Zöllnern unsere Visa gezeigt und dabei möglichst ernst geguckt. Man kann also sagen, dass wir uns ziemlich bemüht haben, besonders schnell nach St. Petersburg zu kommen. (Im Bild oben übrigens die russisch-orthodoxe Kathedrale beim Peterhof etwas außerhalb der Stadt.)

Katharinenpalast in St. Petersburg

Unser erster Halt war der Katharinenpalast in Puschkin (die Stadt, nicht der Vodka) noch vor dem eigentlichen St. Petersburg. Die ehemalige Zarenresidenz lockt mit blau-weiß-goldener Fassade und ausgedehnten Parkanlagen. Auf der Rückseite kamen wir nur bis zum vergoldeten Tor, später bekamen wir aber auch noch eine Führung durch das Innere des Palastes. Wie auf derlei Gruppenfahrten so üblich bleibt für die eigentliche Besichtigung kaum Zeit: Die Führer laufen schnell und reden noch schneller, das macht aber nichts, man kann sich die ganzen Daten und Zarennamen sowieso nicht merken. Gucken reicht zum Glück auch, schließlich sind wir hier auf einer Gruppenreise wo man sich nicht so sehr anstrengen muss. Der schmucke Ballsaal im Bild:

Katharinenpalast in St. Petersburg 2

Prunkvolle Goldverzierungen (Zitat Führerin: „In diesem Raum sind 7 Kilogramm an den Wänden“) finden sich übrigens nicht nur hier, sondern in fast allen Zimmern des Palastes und laden zu den ersten Fotos ein. Hierfür stehen als Adlige verkleidete Russen zur Verfügung, die für 100 Rubel gerne mit aufs Foto kommen. Ich habe das nicht so ganz verstanden, wieso soll ich denn dafür bezahlen dass da noch fremde Leute auf meinen Bildern mit drauf sind?

Rekonstruktion des Bernsteinzimmers

Das Highlight im Katharinenpalast ist eine originalgetreue Rekonstruktion des 1945 verschollenen Bernsteinzimmers. In diesem Raum darf nicht fotografiert werden (nicht mal für Geld, wie sonst in Russland üblich) woran ich mich auch gehalten habe: Das Bild habe ich nämlich einfach von außerhalb des Zimmers gemacht…hehe! Wie man trotz der trendigen Kameraführung erkennen kann, wurde auch hier wieder ganz viel Gold verarbeitet und natürlich Bernstein in allen möglichen Farbschattierungen.

Erasmus-Reisegruppe nach Russland

Nachdem alle in der Gruppe von jedem falschen Kerzenleuchter und jeder Goldverzierung mindestens drei Fotos gemacht hatten ging es zurück zum Bus. Hier zeigte sich ein weiteres Phänomen jeder guten Gruppenreise: Die Zuspätkommer (natürlich nicht im Bild, sonst wären es ja nicht die Zuspätkommer)!

Die ZSK zeichnen sich dadurch aus, dass sie während der ganzen Führung immer ganz hinten laufen, unbedingt noch ein Foto von sich und den anderen ZSK machen wollen und sich anschließend nicht zwischen zwei verschiedenen Postkarten im Souvenirshop entscheiden können. Sie gehen die Reise bewusst entspannt an und kommen deshalb immer mindestens zehn Minuten zu spät zum Bus. Nichts desto trotz sind die ZSK sehr höfliche Menschen: Sie rennen die letzten Meter zum Reisebus, stolpern unter keuchend hervorgestoßenen Entschuldigungen ins Innere und verkriechen sich mit gebückten Häuptern auf ihre Plätze. Die Reiseleiter sind natürlich längst an die Gattung der Zuspätkommer gewöhnt und versuchen sie mit zwei unterschiedlichen Taktiken zu mehr Pünktlichkeit zu bewegen:

1. Gruppendruck erzeugen – Reiseleiter: „Wenn hier immer alle zu spät kommen, schaffen wir den Zeitplan nicht. Dann können wir den/die [wichtige Sehenswürdigkeit einsetzen] leider nicht mehr besuchen. Die Tickets dafür haben wir allerdings schon alle vorab bezahlt…“
2. Panik bei den ZSK erzeugen: Hierzu arbeiten die Reiseleiter Hand in Hand mit dem Busfahrer. Dieser lässt den Bus schonmal anrollen oder fährt ihn im Extremfall ein paar Meter vom vereinbarten Treffpunkt weg. Denn Reiseleiter wissen: So trödelig die Zuspätkommer auch sind, am Ende wollen sie doch wie alle anderen im Bus mitfahren – ganz gemütlich und bequem.

Demnächst in Folge 2: Das heiße Nachtleben von St. Petersburg – Weiber, Wodka, Walachai. Und außerdem: Do sswidanja Portemonnaie – Wie gefährlich ist St. Petersburg wirklich?

Fackelmarsch und Feuerwerk: 375 Jahre Uni Tartu

Fackelmarsch der Universität Tartu

Letzte Woche hat die Universität Tartu (estnisch: Tartu Ülikool) ihr 375-jähriges Bestehen ausführlich mit einer ganzen Reihe von Veranstaltungen gefeiert. Extra für das Jubiläum wurde ein neuer aufwendiger Werbefilm produziert, der die Universität im besten Licht dastehen lässt und den wir alle im Estnischunterricht vorgeführt bekamen. Das Highlight war für die meisten aber sicher der Fackelmarsch vom Hauptgebäude der Universität zur Domruine auf dem Toome Hill am Donnerstagabend.

Fackelmarsch der Universität Tartu 2

Zuerst hatten wir schon einige Bedenken: Darf man als Deutscher – unter Rücksicht auf die Symbolik solcher Veranstaltungen in der Hitlerzeit – an Fackelmärschen teilnehmen? Wir kamen zu dem Ergebnis dass das sehr wohl geht, wobei es sicher einen großen Unterschied macht ob man solche nationalistisch-vorgeprägten Aktionen in Deutschland durchführt oder in Estland mit Fackel und Fahne zu Ehren des Universitätsgeburtstages unterwegs ist. Es waren auch viele Esten ohne Trachtenuniform unterwegs, was es uns leichter machte unerkannt in der großen Masse mitzulaufen. Die Stimmung war insgesamt überraschend angenehm, mehr wie ein Laternenumzug bei uns.

Feuerkunstwerk - noch weiß man nicht was daraus wird

Die Organisatoren haben sich einiges einfallen lassen, so wurde im Park vor dem Pulverkeller ein großes verhülltes Kunstwerk in Brand gesteckt. Auf dem ersten Foto kann man noch nicht sehen, wohin das führen wird…

Heiße 375 Jahre

Auf dem zweiten dafür umso besser: Eine brennende 375 – passend zu den 375 Jahren, welche die vom schwedischen König Gustav Adolf II. ins Leben gerufene Universität mittlerweile auf dem Buckel hat. Die Gründung 1632 kann übrigens nicht nur als reine Wohltat (wie Film und Uni-PR suggerieren), sondern auch unter dem Fokus schwedischer Kolonialpolitik gesehen werden. Nichts desto trotz sind die Esten sehr stolz auf die Universität in Tartu, die nicht zuletzt als geistiges Zentrum des Landes gesehen wird.

Bühnenshow zum 375-jährigen Jubiläum der Universität Tartu

Vor den Ruinen der Toomkirik (Domkirche) folgte dann eine ziemlich bombastische Bühnenshow, die neben männlichen Tänzern in Rollkragenpullovern und weiblichen Tänzerinnen in Regenmänteln auch eine große Anzahl an Fackel- und Fahnenträgern, sowie einen Darsteller in der Rolle Gustav Adolphs II. erforderte. Besondere Beachtung verdient das küssende Pärchen mit Regenschirm in der Bühnenmitte – es handelt sich um eine exakte Rekonstruktion der bekannten Brunnenstatue auf dem Rathausplatz (siehe auch Headerbild in diesem Blog).

Feuerwerk in Tartu / Estland

Den Abschluß bildete ein brillantes Großfeuerwerk, bei welchem der geschätzte jährliche Werbeetat einer mittelgroßen deutschen Universität innerhalb weniger Minuten in die Luft geblasen wurde. Es war einfach der Wahnsinn (siehe Bild)! Man kann ja vieles sagen, aber die Esten wissen einfach wie man so ein Jubiläum gebührend feiert. Auf die nächsten 375 Jahre, Terviseks Tartu Ülikool!

Nachtrag: Die ganzen Feierlichkeiten inklusive Stadtsanierung und dem Besuch der schwedischen Königin haben übrigens 40 Millionen Kronen (etwa 2,5 Millionen Euro)  gekostet. Die Stadt hat fast nichts dazu bezahlt.