Monatsarchiv: September 2007

Rotlicht in Raatuse

Rotlicht in Raatuse

Gleich zu Anfang: Ja, das ist wirklich mein Zimmer. Ok ich geb’s zu, im Vergleich zum letzten Mal hat es sich ziemlich verändert (sah damals noch so aus). Inspiriert von den tollen Dekotipps aus „Invasion in vier Wänden“ mit Moderatorin Wine Tittler habe ich meinem Raatuse-Zimmer spontan eine völlig neue Beleuchtung verpasst – Puff-Atmosphäre im Eigenbau sozusagen. Zum Einsatz kamen zwei Rollen Krepppapier in Rot und Orange die mit Klebefilm an den kalten Neonröhren befestigt wurden. Die ersten Reaktionen auf dieses radikal neue Beleuchtungskonzept liessen nicht lange auf sich warten. Mitbewohner H.: „Vermietest du dein Zimmer jetzt stundenweise?“ Nachdem ich die ersten mittelmäßig lukrativen Angebote hierfür (150 Kronen/h) ausgeschlagen hatte machte ich mich dann daran, die Deko wieder teilweise zu entfernen – an Vokabeln lernen oder Fachtexte lesen war im schummrigen Rotlicht nämlich nicht mal im Traum zu denken. Fazit der Veränderung: „Das 18 qm-Zimmer von Student Lukas erstrahlt in neuem Glanz. Lichteffekte in Rot und Orange sorgen für eine gemütliche Atmosphäre. Besonders pfiffig ist die platzsparende Anordnung der Schreibtische – hier kann endlich wieder richtig gelernt werden…usw.“

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Ausflug zum Peipussee

Varnja / Estland

Am letzten Wochenende haben wir zu dritt einen Ausflug zum Peipussee (estnisch: Peipsijärv) ganz im Osten von Estland gemacht. Mit dem Bus fährt man von Tartu etwa eine Stunde durch kleine Dörfer und eine jahreszeitlich eingefärbte Landschaft (in unserem Fall Herbst). Unser erstes Ziel war der kleine Ort Varnja, der mit putzigen alten Holzhäusern aufwarten kann – siehe Foto. Die Dörfer hier sind komplett am See entlanggebaut, man kann mehrere Kilometer laufen ohne aus einem der Orte hinauszukommen. Dennoch haben wir uns zu Fuß aufgemacht und sind von Varnja nach Kasepää und Kolkja gewandert.

Peipus-See 2

Hier konnte man dann auch endlich etwas vom Peipussee sehen, der liegt nämlich sonst meistens hinter Häusern und dichtem Schilfbewuchs versteckt. Das Wetter war nicht so groß nach Baden gehen, einen öffentlichen Strand haben wir auch nicht entdecken können. Die Region ist touristisch praktisch überhaupt nicht erschlossen: Es gibt keine Gaststätte, keinen Supermarkt (von einem Miniladen abgesehen) und natürlich auch keine Souvenirläden. Dafür umso mehr Russen – in Varna, Kasepää und Kolkja lebt nämlich ein großer Anteil an altgläubiger russischsprachiger Bevölkerung, die hier schon seit Jahrhunderten ihre Wurzeln haben. Auf der Straße wurden wir demnach auch nur auf Russisch begrüßt und fielen als einzige Touristen mit unseren Rucksäcken und Kameras ziemlich auf.

Estnische Zwiebeln

Die Bevölkerung lebt hier übrigens vom Zwiebelanbau, man munkelt die Peipsijärv-Zwiebelküche sei legendär: Als Vorspeise Zwiebelsuppe, dann Bratzwiebeln mit Zwiebelsauce und zum Nachtisch Zwiebelpudding. *g* Mangels geöffnetem Restaurant konnten wir diesen kulinarischen Verlockungen leider nicht nachgehen.

Die Haltestelle für die Rückfahrt haben wir nicht gleich gefunden und so blieb uns nichts anderes übrig als den Bus auf der einzigen Landstraße der Region auf offener Strecke mit Handzeichen anzuhalten. Hat aber gut funktioniert, warscheinlich auch weil der Busfahrer uns als Touristen nicht einfach so an der Straße stehen lassen wollte. Alles in allem ein schöner Ausflug an den viertgrößten See Europas, den Lake Peipsi:

Peipus-See
Wild gestoppelt wächst das Schilf am Peipussee.

Frühstück mit Kohupiim

Kohupiim

Was essen die Esten eigentlich zum Frühstück? Diese Frage führt einen im Supermarkt schnell zum Kühlregal wo Unmengen an unterschiedlichen Yoghurts, Quarks, Cremes, Puddings, Kefiren und anderen Milchprodukten auf hungrige Schleckermäuler warten. Ich wollte mal wieder was Neues ausprobieren und habe mich daher für Kohupiim (Piim ist estnisch für Milch), eine feste Quarkmasse in eckiger Verpackung entschieden. Habe der Sorte mit eingestreuten Rosinen den Vorzug vor der mit Vanille gegeben.

Kohupiim Makro

Zuhause stellte sich dann die Frage: Wie isst man so ein Kohupiim eigentlich? Spontan fielen mir nur die Möglichkeiten „pur löffeln“ und „aufs Brot schmieren“ ein. Also mal mit dem großen Löffel probieren: Hm, schmeckt wie Quark mit Rosinen, aber ziemlich ungesüßt. Außerdem hat das Ganze eine sehr fein-gekörnte Konsistenz, so als wäre da noch was anderes mit eingerührt. Blick auf die Packung hilft aber auch nicht weiter, alles auf Estnisch…

Vielleicht schmeckt estnischer Kohupiim auf dem Brot besser? Also eine Scheibe abgeschnitten und den Kohupiim dick draufgeschmiert. Sieht dann in etwa so aus:

Kohupiimbrot

Das richtig überwältigende Geschmackserlebnis will sich aber auch in dieser Form nicht einstellen. Der Quark ist einfach nicht süß genug. Also bei nächster Gelegenheit mal echte Esten fragen wie sie ihren Kohupiim so essen. Gestern dann Glück gehabt, eine Estin hat bei uns in der WG-Küche auf ihre Wäsche im Keller gewartet (hat Mitbewohner Holger angeschleppt, also sie – nicht die Wäsche), die habe ich dann gleich mal bezüglich Kohupiim ausgefragt. Mit meiner Idee den Quark aufs Brot zu schmieren erntete ich nur ein spöttisches Kopfschütteln, auf diese Idee würde wirklich kein Este jemals kommen. Die essen ihren Kohupiim vielmehr mit viel Marmelade, besonders Kirsch soll lecker sein. Na dann, guten Appetit! Oder wie die Esten sagen: Head isu!

Goodbye, Welcome Party!

Get to know other Students

Letzte Woche mal wieder auf einer Welcome Party gewesen. Diese werden ja ähnlich wie bei uns bis zur Mitte des Semesters gefeiert, bevor man zu so genannten Farewell Parties übergeht. Auf dieser Feier zeigte sich jedenfalls wieder der Trend zu Kennenlernspielen, der hier in Estland ungebrochen ist. Das Spiel an diesem Abend ging so: Gehe auf eine beliebige Person zu, halte deine rechte Hand hoch und lege sie auf die linke Hand des Gegenübers (vertauchen alá rechts auf rechts, links auf links geht nicht gut, hab ich ausprobiert). Dann stellt man genau fünf Fragen. Diese sind: Wie heißt du? Woher kommst du? Was studierst du? Was sind deine Hobbies? Wo möchtest du später mal leben?

Wie sich jeder vorstellen kann sind die Antworten auf solche Fragen ziemlich kurz und eher oberflächlicher Natur und so wechselt man spätestens nach anderthalb Minuten seinen Gesprächspartner. Speed-Get-to-know für Kontaktscheue? Habe natürlich gleich mal versucht das Schema zu durchbrechen und meine Gegenüber alles gefragt was mich gerade so interessiert hat. Diese Methode hat aber nur mäßig funktioniert. Die meisten fühlten sich doch ziemlich an die Spielregeln bzw. das starre Frageschema gebunden. Fortgeschrittene gingen bald dazu über die Fragen wegzulassen und gleich die eigenen vorbereiteten Antworten zu sagen. Nach etwa 20 Minuten hatte jeder mit jedem seine Basisdaten ausgetauscht, die des Gegenübers aber meist gleich wieder vergessen. Es folgte Schweigen und Ratlosigkeit in der Runde. Dann der Blick zur Theke: Kein Alkohol weit und breit. Gar kein Alkohol? Nicht mal Bier? Die Finnen und Niederländer nehmen ihre Jacken vom Haken: „We are moving to a pub now, getting cold beer and having some fun!“ Goodbye, Welcome Party!

(Das Foto habe ich übrigens wirklich auf der Party gemacht, mit Handykamera aus der freien Hand…)

Busfahren in Estland

Bus in Estland

Da kann das Wetter draußen noch so schön sein, wenn man aus diesem Fenster schaut ist alles trübe und grau! Busfahren in Estland ist ein modernes Abenteuer. Zum Einsatz kommen fast ausschließlich ältere Modelle aus den 70ern oder 80ern, deren Federung komplett durch ist. Dafür können die meisten mit zahlreichen Ausstattungsdetails glänzen. Hinweisen möchte ich an dieser Stelle auf den Fernseher, den Ventilator für den Fahrer, die daneben hängende Schmuckuhr und die eleganten Gepäcknetze in diesem Bus:

Bus in Estland 2

In Verbindung mit den warmen Farbtönen und dem heimeligen Echtholz-Imitat im Innendesign ergibt sich eine durchaus gemütliche Atmosphäre. Streifenmuster wie dieses waren früher übrigens mal sehr beliebt:

70s Muster

Die Reisenden eines estnischen Busses lassen sich übrigens grob in drei Typen einteilen, die man auf garantiert jeder Fahrt über die Stadtgrenzen hinaus antrifft:

1. Der Alkoholiker: Sitzt die ganze Fahrt hinter einem – und das riecht man! Bei jedem Atemstoß entlädt sich eine Wolke aus billigem Schnapsdunst in den eigenen Nacken. Manchmal ist es auch Bier, spielt aber eigentlich keine große Rolle. Der Alkoholiker redet nicht viel, er sitzt vielmehr fast meditativ im Bus und kuriert seinen Rausch aus. Und er atmet natürlich…

2. Die stylische Tussi: Kommt immer gerade vom Einkaufen und hat deshalb mehrere vollbepackte Tüten dabei. Die stylische Tussi trägt Minirock oder kurze Hosen auch wenn es draußen nur etwas über 10 Grad ist. Deshalb bezirzt sie den Busfahrer, der dann ihr zuliebe die Heizung auf tropische Temperaturen hochdreht. Sie ist nun die einzige die passend angezogen ist. Während alle anderen schwitzen, steckt sie sich ihre Ohrstöpsel rein und hört die ganze Fahrt Musik oder tut so als würde sie schlafen.

3. Die russischen Handyprolls: Setzen sich immer ganz hinten in den Bus, machen aber dafür umso mehr Krach. Ähnlich wie die Handyprolls in deutschen Bussen und U-Bahnen haben sie hierfür ihr Mobiltelefon dabei. Auf diesem spielen sie wahlweise russischen Techno oder russischen Hiphop ab – beides ist in etwa gleich schlimm! Neben der Lautstärke stört aber vor allem die Tatsache, dass sich meist nur zehn Songs im Speicher befinden. Diese werden dann auf der ganzen Fahrt in Heavy-Rotation gespielt. Doch der typische Este ist zu höflich (oder zu ängstlich?) um die russischen Rabauken anzusprechen. Mit stiller Ignoranz überhört er den Dudelfunk aus den hinteren Reihen. Es bleibt die stille Hoffnung dass die RHP (Russische Handy Prolls) bereits an der nächsten Haltestelle irgendwo im Wald aussteigen.

Erasmus-Gourmet: Wir machen uns Elchburger

Mitbewohner mit Elchfleisch

„Heute gibt’s Elchburger!“ – Mitbewohner Nick hat beim Shoppen im Supermarkt wieder etwas Neues entdeckt: Elchfleisch aus der Dose (etwa 1,80 Euro) zum selber anbraten. Der Blick ins estnische Wörterbuch beweist, dass hier wirklich ein echter Elch in mundgerechte Stücke verarbeitet wurde. Holger und Christian wollen trotzdem nicht mitessen. Ein Blick in die geöffnete Packung verstärkt ihre Bedenken noch.

Elchfleisch - Mhm, lecker

„Wollt ihr dieses Hundefutter wirklich essen?“, fragt Christian uns, als er den geschnetzelten Elch erblickt. „Und schaut erstmal wie das riecht“, rümpft er die Nase. Doch wir sind spätestens jetzt schon wild entschlossen uns wirklich einen Elchburger zu braten. Ein bisschen kommen wir uns ja wie Gladiatoren vor, werden uns doch schon gesundheitliche Probleme („Wenns euch morgen dreckig geht, wisst ihr woran’s liegt“) nach dem Verzehr prognostiziert.

Elchbulette

Weiter im Rezept: Das Elchfleisch nimmt in der Pfanne langsam die Konsistenz einer Bulette (Berlinerisch für Frikadelle oder Fleischpflanzerl) an. Ein erster Geschmackstest ergibt: Hier sind karamelisierende Zucker am Werk, schmeckt aber nicht süß.

Estnische Elchburger

Mit Wirsing, Gurke, Brötchen, Senf und Ketchup verwandeln sich die beiden Elchhackscheiben in zwei waschechte Burger. Von den anderen Mitbewohnern kommen verstohlen neidische Blicke, doch die beiden lassen sich nichts anmerken. „Macht mal die Tür zu, es stinkt ziemlich“, sagt Christian, doch wir sind uns ziemlich sicher dass er nur nicht die nun folgenden Mhm- und Schmatzgeräusche die der Verzehr eines solchen köstlichen Elchburgers nunmal nach sich zieht, hören will. Im übrigen schmeckt Elchfleisch nicht so sehr verschieden von normalem Schweinefleisch. Einzig die durchgängig rote Farbe der Frikadelle irritiert etwas.

Terviseks - Prost in Estland

Nick hat von einem Brauch gehört dass man Elchburger immer mit einem guten Schluck Vodka begießt. Diese Sitte kannte ich ehrlich gesagt noch garnicht, aber wird schon stimmen. Mit Viru Valge und einem fröhlichen „Terviseks“ (estnisch: Prost; eigentlich „guter Sex“ oder „gute Gesundheit“) wird das Abendessen beschlossen. Über den anhaltenden Elchgeruch in unserer Küche sehen wir gelassen hinweg. Ein echter Elchburger fordert eben manchmal Opfer.

(Zitate frei nach Erinnerung)

Raatuse 22: Unser Wohnheim

Raatuse Wohnheim in Tartu

Das ist unser Wohnheim in der Raatuse-Straße Nr. 22 in Tartu. Hier wohnen alle Austauschstudenten und noch eine ganze Menge Esten. Gleichzeitig ist hier auch noch ein Hostel untergebracht, welches die gleichen Zimmer mit geringfügig besserer Ausstattung (Fernseher, Duschvorhang) anbietet. Unten links ist der Indian Pub, wo es Omelette und Pommes gibt – indische oder gar indianische Speisen habe ich dort ehrlich gesagt aber noch nicht entdeckt.

Gang Raatuse Wohnheim in Tartu

Und hier der vierte Flur wo die meisten Austauschstudenten ihre WG haben. Die Gänge haben einen unbestritten nüchternen Charme – einige vergleichen sie mit Krankenhausfluren – einzig die Farbe der Türen variiert je nach Stockwerk. Hinten im Bild ist einer von zwei Glaskästen, der einzige Ort wo im Wohnheim geraucht werden darf.

Zimmer Raatuse Wohnheim Tartu

Und hier ist mein Zimmer. Vorne mein Handtuch, in der Mitte mein Bett und hinten am Fenster mein Laptop wo man bei ganz genauem Hinsehen schon dieser Geschichte beim Entstehen zusehen kann. Das große Panoramafenster (Luxus!) sorgt für ein helles Wohnambiente, der Heizkörper darunter leistet im Winter sicher wertvolle Dienste. Gelbe Schubladen- und Schrankelemente lockern die dezent graue Wandfarbe ein wenig auf. Für Deko muss ansonsten selbst gesorgt werden – was mangels entsprechender Posterläden in Tartu eine echte Herausforderung ist. Beinahe möchte man sagen: Tine Wittler, übernehmen Sie!