Rückkehr nach Deutschland

Ich darf an dieser Stelle meine Rückkehr nach Berlin bekannt geben. Nach dem üblichen Warten am Check-In, dem Warten beim ‚Borden‘, dem Warten bei der Landung vor dem Erreichen der endgültigen Parkposition (wo alle schon längst abgeschnallt sind und nach vorne laufen) und dem Warten auf mein 23 Kilo Gepäck habe ich nun fürs erste genug gewartet und bin ganz froh wieder zurück in Deutschland zu sein. Ahoi!

Spaziergang am Lake Tartu

Lake Tartu

Tartu geizt nicht gerade mit schönen Wasserflächen: Neben dem Emajögi gibt es auch den weltbekannten Lake Tartu, zu sehen auf dem Foto. Keck ragen drei Findlinge aus der Wassermasse hervor, im Vordergrund sind noch die Schilfstummel vom letzten Sommer zu sehen. Lake Tartu, Findlinge, Schilfstummel? Hmm…na ok ich gebs zu! In echt fällt der „See“ etwas kleiner aus, als man es vom Bild vermuten würde. Nämlich genau so:

Lake Tartu 2

Es handelt sich beim Lake Tartu in Wahrheit nur um eine 1×2 Meter große Pfütze auf einem Feldweg nahe der Stadt. Die drei „Findlinge“ sind dann doch sehr handlich, die „Schilfstummel“ bestehen aus schnödem Gras. Beim ersten Foto war die Kamera fast auf der Höhe des matschigen Bodens, der gleiche Effekt wird übrigens auch angewandt um Hotelpools in Reiseprospekten größer erscheinen zu lassen. Also Augen auf, wenn euch jemand ein X für ein U…äh eine Pfütze für einen See vormacht!

„What do you think about it?“

Der große Heiko-Report
Quelle: http://ec.ut.ee/transition/index.php?option=com_rsgallery2&Itemid=102&catid=17

Wenn man über Heiko Pääbo schreiben will, dann muss man mit seinem orange-farbenem Pullover anfangen. Er trägt ihn praktisch zu jeder Unterrichtsstunde. Vielleicht es aber auch eine ganze Kollektion identisch aussehender orangener Pullover, die er da zur Schau trägt. Am Kragen blitzt meist ein T-Shirt oder ein violettes Polohemd hervor, letzteres passt farblich natürlich nicht ganz zum orangenen Pullover, aber das ist erstens Geschmackssache und zweitens scheint es Heiko nicht zu stören.

Star-Dozent Heiko Pääbo unterrichtet am EuroCollege der Universität von Tartu, ist Leiter des Prometheus-Programms und „Key instructor“ des Political Transition-Kurses. Heiko setzt hierbei ganz auf moderne Lernmethoden. Keine Unterrichtsstunde ohne ausführliche Powerpoint-Präsentation mit bunten Hintergründen und vielen Fotos. Häufig bleiben die Inhalte etwas auf der Strecke und die Themen werden eher oberflächlich behandelt, aber das stört ihn nicht. Denn Heiko setzt stattdessen auf umfassende Diskussionen zu den Themen seines Kurses. Berühmt sind in Studentenkreisen seine weitläufigen Fragestellungen und seine Fähigkeit mit ständig wiederholten Nachfragen alle Kursteilnehmer aus der Reserve zu locken bzw. in den Wahnsinn zu treiben.

„What do you think about this?“, fragt er dann und wenn keiner sich meldet setzt er ein fragendes „Do you have any opinion about it?“ hinterher. Selbst wenn sich nun niemand zu Wort meldet, gibt Heiko als echter Diskussionsprofi nicht auf: „What do you think about it? How is it in your home country?“, fragt er. Irgendwann wird jemand schwach und antwortet irgendetwas. Heiko freut sich über diese Beteiligung, es ist dabei ziemlich egal was gesagt wurde. Das macht nichts, denn die Diskussionsfragen sind äh nunja, auch eine Klasse für sich. Ein paar Beispiele gefällig? Ok, hier nun von mir handausgeschnitten und gesammelt die TOP 3 von Heikos Diskussionsfragen:

Communism - A criminal ideology?

1. Is Communism a criminal ideology? Tja, das haben wir uns doch immer schon mal gefragt: Ist Kommunismus nicht eigentlich total kriminell und sollte verboten werden? Gut dass Heiko diese Spitzenfrage nochmal aufgeworfen hat. Antwort ist übrigens Nein, weil was können Marx und Engels schon dafür, dass z.B. Stalin unter Auslegung ihrer Ideologie (da waren sie ja auch schon tot) Millionen von Menschen enteignet, umgesiedelt und unliebsame Kritiker umbringen hat lassen.

Keywords of Revolution

2. What are the keywords for describing revolution? Ja, ist schon so eine Sache mit dieser Revolution. Also erstmal Stichpunkte äh Keywords sammeln. Da darf dann jeder mal sagen, was ihm zum Thema einfällt. Ergebnis in unserer Klasse: „change“, „violence“, „peaceful movement“ – Na das kann sich doch sehen lassen, oder?

Heikos Folien

3. How is the ‚CEE‘ involved into the political discourse today? (Examples from your country) Wie wird in der politischen Diskussion in unserem Heimatland über Zentral- und Osteuropa gesprochen? Für Deutschland lässt sich die Frage schonmal nicht so einfach beantworten. „Worauf zielt dass denn jetzt genau ab?“, möchte man nachfragen. Letztlich aber wieder ein schönes Beispiel für eine Frage, auf die man alles antworten kann und bei Heiko vor allem auch darf.

Die Fragen wurden so übrigens im Wintersemester 2007 im Political Transition-Kurs gestellt, aber es ist natürlich nur ein kleiner Teil von einem viel breiteren Repertoire an Spitzenfragen. Für die Beteiligung wird man übrigens nach einem ausgefuchsten Punktesystem bewertet. Heiko kontrolliert und protokolliert nämlich auch gerne die Leistung seiner Studenten. Als Hilfsmittel dient ihm hierbei das Moodle-Onlinesystem in dem sich jeder anmelden muss, um beispielsweise Texte und andere Materialien herunterzuladen und Bewertungsergebnisse abzurufen. Nebenbei werden auch ungefragt Statistiken und Klickprotokolle von jedem Studenten angelegt. Den Text für diese Woche nicht runtergeladen und gelesen – Der Dozent sieht es sofort. Hier mal ein Beispiel für eine solche Datensammlung:

Datenflut im Moodle-System

Der Dozent kann sich über jeden Klick, jeden Seitenabruf, jede Aktivität in Listenansicht oder als Diagramm informieren. Ein universitäres Überwachungsinstrument, dass hier scheinbar sehr unkritisch eingesetzt wird. „Big brother is watching you!“ Der große Bruder schaut zu – und eventuell, nur ganz vielleicht, trägt er dabei einen orange-farbenen Pullover und lacht sich verschmitzt ins Fäustchen. Nur ganz vielleicht.

So jetzt will ichs aber wissen: What do you think about it? You have any opinion? Keine? Macht auch nichts.

Spurlos verschwunden…

Ehrgeiz & Disziplin sind verschwunden

(Foto: Jenny Rollo / sxc.hu)

 

Liebe Blogleser,

wie ich diese Woche mit Erschrecken feststellen musste sind meine guten Freunde Ehrgeiz und Disziplin (beides Deutsche) plötzlich spurlos verschwunden. Als ich vor gut zwei Wochen an meiner Case-Study zu Weißrussland geschrieben habe, waren die beiden noch rege Begleiter meines Uni-Lebens – nun sind sie verschwunden und ich frage mich wohin. Vielleicht ist den beiden das Wetter in Estland zu kalt und trübe? Oder sie hatten die ständigen Leistungskontrollen satt?

Jeder der Hinweise auf den Aufenthaltsort von Ehrgeiz (männlich) und Disziplin (weiblich) geben kann, wird gebeten dies unverzüglich in den Kommentaren dieses Blogs zu tun.

Lieber Ehrgeiz, liebe Disziplin, wenn ihr das lest: Bitte meldet euch!

Gruß, Lukas

Weihnachtliches Tartu

Weihnachtliches Tartu (Estland)

Anfang Dezember – In Tartu wird es jetzt langsam weihnachtlich. Während es bereits seit Tagen draußen schneegestöbert, wurde auf dem Raekoja-Platz vor dem Rathaus der Weihnachtsbaum aufgestellt. Bei Minusgeraden wurde an der estnischen Tanne herumgesägt – zusätzlich anmontierte Äste vermitteln das Bild eines besonders dichten Nadelwerkes. Da wird also ein klein wenig geschummelt. Anschließend kamen die obligatorischen Lichterketten an die Reihe: Der Baum besticht nun mit wild blitzenden Lämpchen (Stroboskop-Effekt) und wurde von uns spontan in „Diskotanne“ umgetauft.

Weihnachtliches Tartu (Estland) 2

Während auf dem Fluß Emajögi schmutzig-braune Eisschollen vorbeitreiben, hat sich das verschneite Tartu unversehens in ein buntes Lichtermeer verwandelt. Die küssenden Studenten vor dem Rathaus (siehe Foto) frieren sich in dieser Jahreszeit natürlich ganz schön den Arsch ab. Genau wie wir – deswegen gehts jetzt schön schnell wieder rein auf nen heißen Glögg!

Mit der Einwegkamera durch Riga

Riga mit der Einwegkamera 1

Auf dem Rückweg von Kaunas nach Tartu hatte ich etwa sechs Stunden Aufenthalt in Riga (Lettland). Zeit genug also für eine ausgiebige Stadtbesichtigung, aber leider ohne meine Fotokamera, die zuhause lag. Und ohne die, so musste ich schnell feststellen macht richtiges Touri-Sightseeing natürlich gar keinen Spaß. Vor allem, wenn um einen herum alle wild am knipsen sind, als würde Riga morgen komplett verschwinden und als Fotomotiv nicht mehr zur Verfügung stehen. Was also tun?

Spontan entschloss ich mich nach einer Einwegkamera Ausschau zu halten. Früher gabs die günstigen Knipsen doch an jeder Ecke — 30 Minuten später hatte ich zwei Fotogeschäfte, drei Kioske, eine russische Buchhandlung und die Touristeninformation abgeklappert. Digitalkameras kriegt man überall, die alten Einwegkameras sind hingegen beinahe sang- und klanglos verschwunden. Alle verknipst? Beinahe! Denn in einem schmalen Seitengang des Bahnhofs entdeckte ich doch noch einen kleinen Laden, der sogar zwei Modelle zur Wahl stellte. Ich entschied mich für das Modell im Tragebeutel mit dem trendigen Namen Kodak Fun Flash und legte 6 Lat und 50 Santimi auf die Theke.

Auspacken, aufziehen und los gehts! Das besondere an Einwegkameras ist ja ihre Eigenschaft, jedem Bild einen leichten Retrocharme zu verpassen. Die chronische Unschärfe, die nur teilweise wirklichkeitsgetreue Farbwiedergabe und die Verzerrungen der Plastiklinse lassen die Fotos wie aus einer anderen Zeit erscheinen. Ich habe die folgenden Aufnahmen daher nicht bearbeitet, sondern einfach nur auf das passende Format gebracht. Hier ist mein Best of Riga:

Riga mit der Einwegkamera 5

Auf dem Weg vom Bahnhof (Foto ganz oben) in die Altstadt habe ich natürlich schon mal gleich alles geknipst was mir vor die Linse kam: Links fescher Jugendstil, rechts formvollendeter Plattenbau…oder umgekehrt…

Riga mit der Einwegkamera 3

Ah, hier hatte ich meinen Finger auf der Linse. Sowas merkt man bei einer Einwegkamera natürlich erst wenn man den Film vom Entwickeln abholt. Aber ich kann ja auch beschreiben was die Frau oben auf dem Freiheitsdenkmal in ihren kupfernen Händen hält: Drei gestapelte Sterne. Diese stehen für die drei historischen Regionen Lettlands (Zemgale, Vidzeme und Latgale). Während der Sovietzeit musste das natürlich anders ausgelegt werden. Die Sterne standen damals offiziell für die drei baltischen Sovietrepubliken (Estland, Lettland, Litauen). Die ganzen Leute vor dem Denkmal schauen sich gerade eine Militärparade zum Tag der lettischen Freiheitskämpfer an.

Riga mit der Einwegkamera 2

Wenn man hinten steht, sieht man genauso wenig wie vorne. Die Blaskapelle hat immer denselben 30-Sekunden-Ausschnitt aus einem Marsch gespielt, dazwischen hat ein Mann im Anzug irgendwas auf lettisch über Lautsprecher erzählt. Die Soldaten standen einfach nur da. Dafür war der Platz mit lauter Geheimdienstleuten (Erkennungszeichen: Knopf im Ohr) und Scharfschützen auf den Dächern abgesichert. Ist aber nichts passiert (auch inhaltlich jetzt).

Riga Altstadt

Auch in der Altstadt hingen überall lettische Fahnen. Die Letten sind ähnlich wie die Esten sehr patriotisch, vermutlich also garnicht mal so ein ungewohntes Bild in Riga. Eigentlich glaube ich mich zu erinnern, dass da von der Flagge oben noch ein Stück mehr drauf war als ich auf den Auslöser gedrückt habe. Muss wohl irgendwo im Plastikgehäuse der Fun Flash verloren gegangen sein – oder das estnische Fotolabor hat sich da ein Stück von abgeschnitten… (wer weiß)

Riga Bahnhof Einwegkamera

Am Nachmittag habe ich mich wegen des schönen Wetters spontan entschlossen zum Strand von Riga (in Fachkreisen Latvia Beach) zu fahren. Mit einem Vorortzug fährt man etwa 20 Minuten aus der Stadt raus und bekommt zum günstigen Preis auch noch eine schöne Bahnfahrt geboten. Fahrkarten gibts an einem bestimmten Schalter, die Frauen in der Touristeninformation wissen schon wenn man reinkommt dass man den gerade verzweifelt sucht…

Riga mit der Einwegkamera 4

Auf diesem Foto kommt der besagte Retrocharme der Einwegkamera wieder besonder gut raus. Man beachte den Himmel, die verwaschenen Markthallen im Hintergrund und den belebten Busbahnhof im Vordergrund. Ich bin übrigens nach Majori gefahren, einem kleinen Badeort der direkt an der Ostsee liegt.

Strand von Riga

Hier der Beweis: Ich war wirklich am Strand von Riga! (Ok, das könnte jetzt natürlich auch irgendwo ganz anders gewesen sein. Die Ostsee sieht sich halt überall so verdammt ähnlich. Mit dem Foto könnte ich also nächstes Jahr auch behaupten, dass ich auf Usedom gewesen bin – würden mir warscheinlich auch alle glauben…*hohoho*) Spaß beiseite, ich war natürlich wirklich da. Echte Latvia Beach-Experten erkennen dies selbstverständlich ohne weiteres an Lichteinfall, Sandfärbung und Schrittweite der beiden Herren im Hintergrund.

Zug fahren um Riga

Mit dem Zug gings auch wieder zurück. Der Typ der da so böse aus der Tür guckt ist der Lokführer. Der will vermutlich mehr Lohn oder nicht von mir fotografiert werden oder wundert sich über meine komische Einwegkamera – oder alles drei. Bevor mir hier noch der letzte Zug vor der Nase wegfährt, steige ich mal lieber schnell ein und sage: Tschüß Riga!

Das Whirlpool-Prinzip

Das Whirlpool-Prinzip (Foto: Aura Keskus Tartu)

Der Mensch ist ja von angeborenen Verhaltensregeln geprägt, welche sich in der Öffentlichkeit besonders deutlich zeigen. Einer der klassischen Orte ist hierfür das Schwimmbad, das einen idealen Tummelplatz für die verschiedensten Macht- und Balzrituale bietet. Verschärfend wirkt eine nahezu immer vorherrschende Knappheit von Ressourcen (Sonnenliegen, Whirlpoolplätze). Auch im Aura Keskus hier in Tartu ist das nicht anders. Gestern war ich dort und habe einige interessante Beobachtungen gemacht, welche sich am besten unter dem Begriff „Whirlpool-Prinzip“ zusammenfassen lassen:

Zwei unterschiedliche Parteien, die Draußensteher und die Drinnensitzer, stehen sich hierbei unversöhnlich gegenüber. Die Draußensteher beneiden die Drinnensitzer um ihren Platz im Whirlpool. „Wieso müssen die da eigentlich so lange da drin sitzen? Müssen die sich so breit machen?“, sind häufige – zumeist leise geäußerte – Vorwürfe. Maulend liegen die Draußensteher auf der Lauer und warten grimmig darauf, dass die Drinnensitzer eine Schwäche zeigen und eine kurze Pause von ihrer Blubbermassage machen. Schon ist der Augenblick gekommen! Die Draußensitzer belegen blitzartig die frei gewordenen Plätze und werden so zu Drinnensitzern.

Mit der neuen Whirlpool-Ordnung verwandelt sich auch unverzüglich ihr Verhalten: Die neuen Drinnensitzer machen sich breit, legen ihre Arme breit auf den Rand des Pools und strecken ihre Beine genüßlich aus um möglichst viel Platz für sich zu beanspruchen. Sie kosten ihre Macht vollends aus, denn sie wissen um ihre Vergänglichkeit: Früher oder später kriegen im Whirlpool alle schrumplige Finger und müssen wieder raus.

(Foto: Aura Keskus in Tartu, Estonia | www.aurakeskus.ee)